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Tönisvorst
Auftrag aus Shoah: Fremde in Gesellschaft aufnehmen

Tönisvorst. Ein kleiner Weg führt vom Haus Gothardusweg Nummer 15 zu einem schmiedeeisernen Tor. Dahinter liegt eine Rasenfläche, auf dem einzigen Grabstein stehen die Namen von Benjamin und Adele Willmer. Wäre das Hinweisschild nicht - man könnte den Jüdischen Friedhof, der hier 1861 angelegt und bis zur Schändung durch die Nationalsozialisten 1939 genutzt wurde, fast übersehen. Doch zum Gedenktag an die Opfer der Nationalsozialisten war der versteckte Friedhof das Ziel von mehr als 50 Menschen. Von Daniela Buschkamp

Darunter Jugendliche wie Zoe Kranz und Lena Paschmann, die 70 Jahre vom Zweiten Weltkrieg und dem systematischen Völkermord des Naziregimes trennen. Die Nähe dazu haben die Konfirmandinnen dennoch gefühlt, als sie in der Schule das Buch "Der Junge im gestreiften Pyjama" lasen. Fremdenhass sei auch heute wieder aktuell. Eng verbunden mit der Geschichte ist auch die Arbeitsgemeinschaft "Stolpersteine" des Michael-Ende-Gymnasiums. "Wir beschäftigen uns mit dem Schicksal von Menschen, die die Nazis wegen ihres Glaubens oder ihrer politischen Ansichten verfolgt haben", sagt Justus Jansen (14). Die Jugendlichen gehören zu einer Initiative aus Vereinen, Institutionen und Bürgern, die in St. Tönis neun, in Vorst bereits 27 Stolpesteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig realisiert hat. Weitere sollen in St. Tönis folgen.

Die Brücke zwischen der Judenverfolgung und der Gegenwart schlug auch Thomas Goßen, Bürgermeister von Tönisvorst, in seiner Ansprache. Er griff die Erinnerungen von Shimon Perez, dem israelischen Staatspräsidenten und Friedensnobelpreisträger, auf. Den Gebetsmantel des Großvaters, in dem Shimon als Junge oft gehüllt wurde, trug der Großvater auch, als er als erster in die hölzerne Synagoge im polnischen Wiszniewo ging, die die Nazis anzündeten: "Nur glühende Asche und Rauch blieben übrig."

Die Shoah werfe, so Goßen, die Frage nach der Bösartigkeit des Menschen auf. Die Überlebenden selbst hätten eine Antwort gegeben, wie man danach überhaupt weiterleben könne: "Durch die Hoffnung auf das Leben selbst." Die Erinnerung an die jüdischen Opfer der Nazis - je nach Quelle bis zu 6,3 Millionen Menschen - sei für ihn als Bürgermeister deshalb bedeutsam, weil daraus die Verantwortung erwachse, dass "Menschen unabhängig ihrer Herkunft, Hautfarbe und Religion als Menschen in unserer Gemeinschaft angenommen werden".

Damit der versteckt liegende Jüdische Friedhof in Vorst stärker auffällt, plant die Initiative, eine neue Info-Tafel am Eingang aufzustellen. "Sie soll über die Geschichte des Friedhofs informieren", so Peter Joppen. Die Entwürfe seien noch nicht abgestimmt; die politischen Gremien müssen noch entscheiden.

Nach einem Gebet von Pfarrer Bernd Pätzold zerstreuen sich die Besucher. Zurück bleibt ein brauner Stein auf dem Grab - nach jüdischer Sitte ein Zeichen der Erinnerung.

Quelle: RP
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