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Tönisvorst
Bilder erzählen Lebensgeschichten

Tönisvorst: Bilder erzählen Lebensgeschichten
30 Teilnehmer wechseln sich alle fünf Minuten an den zehn Leinwänden ab. Mit Erfolg bot die Flüchtlingshilfe eine Kunstaktion in St. Tönis an. FOTO: ST.. WICKERATH
Tönisvorst. Einen Kunst-Workshop hat die Flüchtlingshilfe Tönisvorst in der Unterkunft für Asylbewerber an der Industriestraße in St. Tönis angeboten. 30 Menschen machten mit. Ihre Werke zieren jetzt die Wände des Hauses. Von Stephanie Wickerath

Wer zusieht, wie die Kunstwerke entstehen und die Geschichten der Flüchtlinge kennt, der kann auf den Gedanken kommen, dass es Parallelen gibt zwischen den Bildern und den Malern. Am Anfang sind alle zehn Leinwände weiß, leuchtend, voller Hoffnung und vielleicht auch voller Naivität. Dann kommen die ersten Pinselstriche, die ersten Farben. Es ist ein Aufbruch in eine bunte Zukunft, die verheißungsvoll aussieht mit Blumen und Bäumen, Bergen und Seen. Auch die syrische Fahne ist zu sehen. Aus ihren beiden Sternen tropfen Tränen.

Doch alle fünf Minuten wechselt der Maler. Immer neue Farben kommen auf die Leinwand, neue Pinselstriche, neue Eindrücke. Nach und nach wird all das Gegenständliche übermalt, bis nur noch ein tristes Einheitsgrau auf der Leinwand zu sehen ist. Grau wie Stacheldraht, wie Hoffnungslosigkeit, Ernüchterung, Enttäuschung. Aber das Bild ist noch nicht fertig. Weitere Maler kommen, bringen neue Konturen in das Grau, malen mit Rot ein dickes Herz in die Mitte und schreiben "Peace" in den grauen Farbmatsch.

30 Menschen sind es, Deutsche und Flüchtlinge aus aller Herren Länder, die am Kunstworkshop in der St. Töniser Flüchtlingsunterkunft teilnehmen. Die Idee hatten Flüchtlingsbetreuer Peter Hohlweger und Edith Mascini. Die Vorsterin hat Kunst in Amsterdam studiert. "An der Akademie haben wir das auch mal gemacht: zehn Leinwände, zehn Künstler und alle fünf Minuten wechselt man die Leinwand, bis jeder an jedem Bild mitgemalt hat. So einsteht ein einheitliches Gesamtkunstwerk", erklärt Mascini das Prinzip. In der Flüchtlingsunterkunft wiederholt die Initiatorin den Vorgang 30-mal, so dass am Ende 30 Leinwände bemalt sind.

Peter Hohlweger ist begeistert von dem Ergebnis. "Jetzt haben wir tolle selbstgemachte Kunst, die die kahlen Flure schmückt", freut sich der Sozialarbeiter. Hohlweger kann sich auch vorstellen, einige der Bilder für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen oder zur Versteigerung anzubieten. "Die Hauptsache aber ist, dass wir es schaffen, die Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren." Es sei wichtig, vom "Betüddeln" weg und zur Teilhabe hin zu kommen. Deshalb freut Hohlweger sich auch besonders darüber, dass auch einige Deutsche unter den Malern sind.

In Tönisvorst gibt es bereits einige Projekte, die das Ziel der Teilhabe an der Gesellschaft verfolgen: Häkel- und Stricknachmittage, zwei Willkommen-Cafés, gemeinsames Musizieren, das Schülerfrühstück an der Sekundarschule, bei dem Flüchtlinge ehrenamtlich mitarbeiten, Fahrradwerkstätten, Ausflüge und Freizeitangebote für Familien und nicht zuletzt die Willkommensklassen an den weiterführenden Schulen.

Viele Flüchtlinge wissen das Engagement der Deutschen zu schätzen. Das zeigen auch die Kunstwerke in der St. Töniser Unterkunft. So hat Rabee aus Syrien auf die weiße Leinwand "D - Danke" geschrieben und daneben die deutsche Fahne gemalt. Überpinselt hat das niemand.

Quelle: RP
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