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Tönisvorst
Der Traum von einem Leben ohne Angst

Tönisvorst: Der Traum von einem Leben ohne Angst
Mithilfe von mehreren engagierten Tönisvorster Bürgern konnte die siebenköpfige Familie vor vier Wochen aus der beengten Flüchtlingswohnung der Stadt in ein kleines Haus ziehen. FOTO: Achim Hüskes
Tönisvorst. Familie Jemale floh aus Somalia nach Deutschland - und fand sich hier wieder. Jetzt leben sie in Tönisvorst und berichten von ihren furchtbaren Erlebnissen, aber auch von der Hilfsbereitschaft in ihrem neuen Zuhause. Von Stephanie Wickerath

Als die Männer mit den Bärten und den Gewehren in ihr Dorf kamen, wusste Fay Mahamud Ali, was zu tun ist. Die Großmutter rief ihre drei Enkeltöchter, nahm den zweijährigen Enkelsohn Mohamed auf den Arm und versteckte sich mit den Kindern. Ihre Tochter Ubah Ahmed Alasow war kurz zuvor zum Markt aufgebrochen. Der Schwiegersohn Larabey Jemale war wie jeden Morgen schon früh mit seinem Fischerboot raus aufs Meer gefahren. Als er am Abend in sein Dorf zurückkehrte, lagen überall Tote. Die wenigen Menschen, die noch da waren, berichteten, Kämpfer von al-Qaida seien gekommen, hätten Frauen und Kinder verschleppt und die Bewohner, die nicht flüchten konnten, getötet.

Noch heute, vier Jahre später, beginnt Larabey Jemale zu zittern, wenn er sich an diesen Tag erinnert. Englische, deutsche und arabische Wörter rutschen dem 40-Jährigen, der sonst so bemüht ist, gutes Deutsch zu sprechen, beim Erzählen durcheinander. 20 Jahre Bürgerkrieg hatte sein Mutterland Somalia zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. Die Verfassung ist seit 1991 außer Kraft gesetzt, es gibt Regierungen und Übergangsregierungen, und vor allem gibt es die Islamlisten-Organisation al-Shabab, die sich 2012 mit dem Terrornetzwerk al-Qaida vereinigt hat.

Larabey Jemale hatte Angst. "Ich habe drei Töchter, und ich weiß, dass die Terroristen die Mädchen mitnehmen und sie zwangsverheiraten", sagt der Somalier. Zuerst aber galt es nach dem Anschlag der Milizen, seine Frau Ubah wiederzufinden. Denn sie war am Abend nicht ins Dorf zurückgekehrt. Der Familienvater suchte wochenlang überall, aber die damals 25-Jährige blieb verschwunden.

Flüchtlinge – erschütternde Bilder aus aller Welt FOTO: afp, MM

Larabey Jemale beschloss, das Land, den Krieg und den Terror zu verlassen. "Alle waren tot, meine Eltern, meine Geschwister und wie ich fürchtete, auch meine Frau." Er wollte wenigstens seine vier kleinen Kinder retten. Also verkaufte er das Haus und das Fischerboot und stieg in Mogadischu mit den Kindern und seiner Schwiegermutter in ein Flugzeug Richtung Türkei. Von dort brachte ein Schlepper Larabey Jemale und seine Familie in einem alten Auto nach Deutschland. Nach Auffanglager und Zwischenstation wurde die Familie nach Tönisvorst geschickt, wo sie nun seit gut einem Jahr lebt.

Larabey Jemales freundliches Gesicht strahlt, als er zum Ende seiner Geschichte kommt: "Im Februar bekam ich einen Anruf vom Caritas-Büro. In Italien war eine Frau mit einem Flüchtlingsboot aus Afrika angekommen. Ihr Name: Ubah Ahmed Alasow." Was die vierfache Mutter, nach der die Kinder nächtelang im Schlaf gerufen haben, in den drei Jahren und sieben Monaten erlebt hat, die seit dem Tag vergangenen sind, als die Terroristen ins Dorf kamen, darüber kann sie nicht sprechen. Fest steht, dass sie entführt wurde. Stichverletzungen an der Schulter und Verletzungen an den Füßen, die von Gewehrkolben stammen, zeugen von schlimmen Erlebnissen.

In Zahlen: Flüchtlinge pro Stadt

Über Kenia, Sudan und Libyen sei sie geflohen, berichtet die heute 28-Jährige in gebrochenem Englisch. Von Libyen sei sie dann mit dem Schiff bis nach Italien gekommen. Dort habe sie erfahren, dass ihre Familie in Deutschland ist, wo sie ebenfalls hingebracht wurde.

Mithilfe von mehreren engagierten Tönisvorster Bürgern konnte die siebenköpfige Familie vor vier Wochen aus der beengten Flüchtlingswohnung der Stadt in ein kleines Haus ziehen, das die Besitzerin sehr günstig vermietet. Die 13-jährige Hiyam besucht erfolgreich die Sekundarschule, Hadil und Hana, zehn und acht Jahre alt, lernen mit großem Eifer in der Grundschule. Der sechsjährige Mohamed besucht den Kindergarten und freut sich schon auf seine Einschulung.

Seit zwei Monaten ist Larabey Jemale anerkannter Flüchtling und darf einen Deutschsprachkursus besuchen. Der 40-Jährige lernt schnell und möchte möglichst bald Arbeit finden, am liebsten als Lastwagenfahrer. Andere Wünsche hat der Mann aus Somalia nicht mehr: "Wir sind wieder alle zusammen. Wir leben endlich in Frieden und müssen keine Angst mehr haben. Die Kinder dürfen hier zur Schule gehen und können etwas lernen. Sie haben eine Zukunft. Wir haben so viel Glück gehabt und so viel Hilfe von den Menschen hier bekommen. Wir sind glücklich und sehr, sehr dankbar."

Quelle: RP