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Tönisvorst
Die Geister aus dem Trauzimmer

Tönisvorst: Die Geister aus dem Trauzimmer
In der Silvesternacht erscheinen die beiden Geister vor dem Kamin im altehrwürdigen Trauzimmer von Haus Neersdonk und Spinnen auf einem alten Spinnrad. FOTO: Norbert Prümen
Tönisvorst. Der ehemalige Adelssitz Neersdonk in Vorst ist ein Haus voller Geschichte und Geschichten. Auch einige Gerüchte halten sich hartnäckig, wie etwa das um die beiden Edelfrauen, die an Silvester am Kamin erscheinen. Von Stephanie Wickerath

Christian Recken kennt sie alle, die Geschichten von Haus Neersdonk. Der 36-Jährige ist in dem 350 Jahre alten ehemaligen Rittersitz, der seinem Vater Hermann-Josef Recken gehört, aufgewachsen. Auch die Geschichte der beiden weiß gekleideten Edelfrauen, die an Silvester vor dem Kamin im ehemaligen Ritterzimmer sitzen und Wolle aufrollen, hat er schon gehört. "Weil wir an Silvester um Mitternacht aber immer vor dem Haus stehen und das Feuerwerk anschauen, haben wir die Damen noch nie gesehen", sagt Recken fast entschuldigend.

Beim Glockenschlag um Mitternacht, so erzählen sich die Vorster, soll ein Rauschen von seidenen Kleidern zu hören sein, bevor die beiden weiß gewandeten Frauen bei offenem Feuer am Kamin Platz nehmen und am Spinnrad drehen. Während die Ältere ein Wollknäuel abwickelt, spult die Jüngere es wieder auf, wobei sie ein für Sterbliche unverständliches, schauriges Lied singen, bevor sie nach kurzer Zeit wieder im Nichts verschwinden.

Ob es in dem alten Gemäuer wirklich spukt, weiß Christian Recken, der die schlossartige Anlage mit seiner Familie und der seines Bruders bewohnt, nicht. Seltsame Geräusche aber vernimmt er mitunter schon. "Also, wenn der Wind ums Haus pfeift, dann klingt das tatsächlich manchmal wie ein Wehklagen", sagt der 36-Jährige, der sich noch gut daran erinnern kann, dass er sich als Kind in der Nacht, wenn der Wind pfiff und die Treppe knarzte, manches Mal gefragt hat, ob es nicht doch unheimliche Mächte im Haus gibt.

Und die Geschichte um die beiden weißen Frauen ist nicht das einzige Gerücht, das sich hartnäckig hält. "Im Keller zum Beispiel gibt es zwei Räume, die nicht zugänglich sind", erzählt Recken. Bei dem einen, dessen Türe zugemauert ist, werde spekuliert, dass von ihm ein unterirdischer Geheimgang zum Haus Raedt, einem der anderen Vorster Adelssitze, führt. Der andere nicht zugängliche Kellerraum ist unter einem der Türme, deren barocke Hauben das schon von Weitem gut sichtbare Merkmal des Hauses sind. Der Raum diente in grauer Vorzeit als Kerker. Eine Luke, durch die Menschen in das Verlies geworfen wurden, war die einzige Öffnung.

"Dort", so weiß der Hausbewohner, "sollen die Gebeine des Gutsherrn von Aschenbroich liegen, der offiziell einen Jagdunfall hatte. Inoffiziell ist er aber wohl von seinem Bruder erwürgt worden, der die Leiche dann im Kerker verschwinden ließ." 1763 soll das gewesen sein. Bis heute, so die Legende, spuke der Geist des Gutsherrn durch das Haus. Glück hat dem Bruder das Ableben des Familienerben übrigens nicht gebracht. Nachdem drei Generationen des Adelsgeschlechts Haus Neersdonk bewohnt und die Ländereien bewirtschaftet hatten, verfiel das zweigeschossige Backsteingebäude nach dem Tod des Bruders, wurde versteigert und wechselte den Besitzer.

Eine der nachfolgenden Besitzerinnen war die Gräfin Maria Anna von Efferen. Auch aus dieser Zeit ist eine Geschichte überliefert, die allerdings auf Tatsachen beruht. Wie Heimatforscher Franz Dohr in seinem Buch über Vorst berichtet, nahm die Gräfin ein Waisenkind auf. Mathias Weber hieß der Junge, der später als "Fetzer" bekannt wurde. Mit einer Räuberbande überfiel er in der Nacht zum 3. Mai 1797 Haus Neersdonk. Schon am Tag trafen sich Mathias und seine Kumpanen im nahen Wald, der bis heute die Bezeichnung "Räuberhöhle" trägt. "Hier unterrichtete er seine Freunde über die Örtlichkeiten, die er aus seiner Zeit auf Haus Neersdonk genauestens kannte", schreibt Dohr.

In der Nacht schlichen sich die Räuber auf den Schlosshof. Auf ihren Schultern trugen sie einen Baumstamm, der als Türöffner diente. Während die Räuber dabei waren, alle Hausbewohner zu fesseln und die Wertgegenstände an sich zu nehmen, kam der Gärtnerlehrling Johann Baptist Schmitz, der auf dem Schloss arbeitete, von einem spätabendlichen Ausflug aus dem Dorf zurück. Er erkannte die Lage, alarmierte die Nachbarn, lief ins Dorf zurück und ließ die Kirchglocken von St. Godehard läuten, wie es zu jener Zeit üblich war, wenn Gefahr drohte.

Eine Schar von Helfern eilte zum Schloss und schlug die Räuber in die Flucht. Einige konnten festgenommen werden, andere entkamen. Unter ihnen auch der Fetzer, der als Räuberhauptmann in Krefeld noch eine kurze Karriere hinlegte, bevor er 1803 in Köln auf dem Schafott endete. Die Gräfin von Efferen aber zeigte sich ihren Rettern gegenüber großzügig. Sie schenke jedem Nachbarn einen halben Morgen Wald. "Bis heute sind einige Vorster Familien noch im Besitz dieser Parzelle", weiß Christian Recken.

Von Familie Recken lebt heute bereits die fünfte Generation im Haus Neersdonk. 1942 erwarb der Urgroßvater von Christian Recken den ehemaligen Rittersitz mit gut 600 Quadratmetern Wohnfläche, 350 Morgen Ackerland und 80 Morgen Wald. Nach dem Krieg bewirtschaftete Familie Recken die Ländereien und baute das in die Jahre gekommene Wasserschloss und die Wirtschaftsgebäude wieder auf. "In den 60er- und in den 90er-Jahren gab es weitere großangelegte Renovierungsarbeiten", weiß Christian Recken, der hauptberuflich als Vertriebsleiter arbeitet. Seit 1981 steht das Schloss, seit 1985 stehen die Wirtschaftsgebäude und die Tordurchfahrt unter Denkmalschutz.

Während die Ländereien zum größten Teil als Ackerfläche verpachtet sind, betreibt Herman-Josef Recken eine Rinderzucht. Auch Gänse, Hühner und Schafe leben auf dem Gelände des ehemaligen Vorster Adelssitzes, auf dem seit einem Jahr auch standesamtliche Trauungen stattfinden. Das übrigens just in dem Raum, in dem die weiß gekleideten Frauen - oder sind es am Ende vielleicht verlassene Bräute? - an Silvester ihr Leid klagen.

Quelle: RP
 
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