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Tönisvorst
Die weißen Gespensterfrauen von Vorst

Tönisvorst: Die weißen Gespensterfrauen von Vorst
Jedes Jahr am ersten Maiwochenende feiert die Vorster Kirchengemeinde St. Godehard das Patronatsfest. Dann zieht eine Prozession von der Kirche durch die Felder bis zum Haus Neersdonk, wo im Hof die Eucharistie gefeiert wird. FOTO: KAISER
Tönisvorst. In und bei Vorst sind gleich mehrere Herrenhäuser zu finden. Eine Rundfahrt zu den alten Gemäuern lohnt sich. Wir stellen die einzelnen Häuser und damit verbundene Legenden wie den Neujahrs-Spuk auf Haus Neersdonk vor. Von Heribert Brinkmann

Gleich mehrere Herrenhäuser locken den historisch interessierten Besucher nach Vorst. Haus Brempt, quasi die Urzelle von Vorst, ist gerade wieder ins Gespräch gekommen, weil dort auf dem das Herrenhaus umgebenden Gelände einer früheren Gärtnerei die Neubauten von neun Reihen- und Einzelhäuser geplant sind.

Das spätgotische Herrenhaus, in seiner heutigen zweigeschossigen Form stammt es aus dem 17./18. Jahrhundert, stand in den Niederungen des Schleckbaches auf einer künstlichen Motte. Vom ursprünglichen Bau nimmt man an, dass er wie die anderen fränkischen Adelssitze am Niederrhein ein Fachwerkbau aus Lehm und Flechtwerk war und erst später durch einen Backsteinbau ersetzt wurde. Heute ist dem Bau ein älterer dreigeschossiger Turm seitlich vorgesetzt. Mit Haubendach und zwiebelförmiger Spitze wird er auf das 15. Jahrhundert datiert. Früher einmal war das Herrenhaus nur über eine Zugbrücke erreichbar. Spuren davon sind heute noch erkennbar: So sitzt rechts über dem Hauptportal im Mauerwerk noch eine Rolle, über die eine Kette für die Zugbrücke lief. Der Wassergraben ist aber bis auf einen kleinen Teich längst verfüllt.

Von der Anrather Straße in Vorst führt die Straße Zur Villa direkt zum Haus Donk. Heute sind nur noch der Turm und der Rittersaal erhalten geblieben. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)

Haus Brempt gilt als Namensgeber für Vorst. Der Begriff "Forst" in der alten Schreibweise des 12./13. Jahrhunderts mit "v" bezieht sich auf die großen Wälder um Haus Brempt, die im Gegensatz zum natürlichen Wald, dem "Boosch", gepflegt waren. Das Haus Brempt befindet sich in der Ortsmitte und ist über Kokenstraße und Brempter Weg erreichbar.

Weiter geht es über den Heckerweg, die Schluff-Trasse, Oedter Straße und Gotthardusweg zu Haus Neersdonk. Die kleine Wasserburg Haus Neersdonk soll auf Geheiß der Gräfin Maria von Dohn im Jahr 1193 ín der Niederung von Schleckbach und Niers errichtet worden sein. So führt es der Text in den Geschichtslandschaften (Radwandern in Tönisvorst) aus, den die Stadt 2003 herausgab. Man geht aber davon aus, dass die Wasserburg auf dem Fundament eines fränkischen Adelshofes fußt. Das heutige Herrenhaus stammt aus dem 17. Jahrhundert. Anno 1667 wurde der zweigeschossige Herrensitz von zwei Türmen mit barocken Hauben flankiert.

An der Kempener Straße, gleich hinter Fleischwaren Abbelen, findet man Haus Raedt, von den Gräben der einstigen Wasserburg ist nur noch ein Teich erhalten. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)

Um Haus Neersdonk ranken sich mehrere Geschichten. So soll Neersdonk im Gegensatz zu den anderen Vorster Adelssitzen Schlossgespenster haben. Obwohl sie noch niemand gesehen hat, erzählen sich die Vorster, dass in der Neujahrsnacht beim Glockenschlag Mitternacht ein Rauschen von seidenen Kleidern zu hören sei. Zwei weiß gekleidete Edelfrauen nehmen am Ka in des Rittersaales Platz. Während die Ältere ein Wollknäuel abwickelt, spult die Jüngere es wieder auf, wobei sie ein für Sterbliche unverständliches Lied singen und wieder im Nichts verschwinden.

Von Haus Neersdonk aus kann man über den Kreuz- und Gotthardusweg über die Felder wandern. Der Weg beginnt an der Kirche im Ort, quert die Oedter Straße und führte ehemals an neun Stationen vorbei. Von den 1764 angelegten Stationen existieren heute nur noch zwei. Nach einem alten Brauch versammelten sich die Frauen der Nachbarschaft, wenn jemand gestorben war, vor dem Sterbehaus und pilgerten den Gotthardusweg entlang, um für das Seelenheil des Toten zu beten. Heute zieht noch zum Gotthardusfest eine Prozession mit der Reliquie des heiligen Godehard durch die Felder den Weg entlang, um den Segen für Gemeinde und Felder zu erbitten. Weiter geht es von Haus Neersdonk über den Gotthardusweg zur Kempener Straße (L 361). Dort liegt, in einem Park etwas versteckt, Haus Raedt. Der Rittersitz wird in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts das erste Mal erwähnt. Das Haus wurde nicht in einer Flussniederung, sondern auf dem Plateau der Kempener Platte errichtet. Von den Gräben ist kaum noch etwas erhalten, und auch von den ehemals weitläufigen Wäldern ist das meiste vor Jahrzehnten bereits in einer Obstplantage umgewandelt worden. Doch noch in den 1930er Jahren konnte die Dorfjugend auf den zugefrorenen Gräben Schlittschuhlaufen.

Haus Raedt besteht aus einem zweistöckigen Herrenhaus im Tudorstil. Dieser englische Baustil aus dem 15. bis 17. Jahrhundert zeigt sich durch ein asymmetrisches Backsteingebäude mit ungeraden Dachlinien und Türmen, schmückenden Zinnen und Kaminen sowie einem freistehenden sechsseitigen Turm aus dem 17. Jahrhundert.

Von Haus Donk sind nur noch der Renaissance-Turm und der Rittersaal übrig. Wie das Herrenhaus wurde der Turm in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts restauriert. Zusammen mit dem Haus steht der Torturm auf der Motte. Das heute sichtbare Herrenhaus ist nur ein Teil des alten, etwa dreimal größeren Herrenhauses.

Donk bezeichnet einen bebaubaren, meist erhöhten Platz im Sumpfland. Die Ursprünge von Haus Donk in der Niersniederung vermutet man um das Jahr 900, als sich der fränkische Landadel zum Schutz vor plündernden Banden Wehrtürme im Sumpfgebiet anlegte.

Zu den Herrenhäusern könnte man noch das Gut Groß Lind an der Düsseldorfer Straße und den Gelleshof hinzurechnen. Vom Kehner Rittergut des 14. Jahrhunderts existiert nur noch der Berfes. Dieser Wehrspeicher, in dem sich die Bewohner des Hofes und die Nachbarn vor Angreifern verstecken konnten, wurde 1719 zu einem Wohnhaus erweitert. Damals erhielt er das typische Aussehen mit einem abgetreppten Giebel. Und Großlind weist weiter nach Forstwald. 1822 baute der Krefelder Kaufmann und Mennonit Gerhard Schumacher einen 17500 Quadratmeter großen Landschaftspark zwischen Groß Lind und dem Forsthaus in Forstwald. Vor dem Herrenhaus sind heute noch wenige Mammutbäume zu sehen. Die Pläne für den Park stammen vom berühmten Landschaftsarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe, der auch in Düsseldorf den Hofgarten plante. Ursprünglich war Gut Groß Lind ein mittelalterlicher Schöffenhof.

Quelle: RP
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