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Tönisvorst
Diskussion mit gelassenem Engagement

Tönisvorst. Stadtbücherei und WDR hatten zur Aufzeichnung der Sendung "Der philosophische Radio-Salon" eingeladen. Von Stephanie Wickerath

Die Gäste, die auf den letzten Drücker kamen, musste Carmen Alonso, Leiterin der Tönisvorster Stadtbücherei, mit Bedauern wieder nach Hause schicken, denn im Ratssaal waren alle Plätze besetzt. Vor den mehr als 100 Zuhörern standen Jürgen Wiebicke, Moderator der WDR 5-Sendung "Der philosophische Radio-Salon", und die Professorin Susanne Boshammer, die an der Universität Osnabrück Philosophie lehrt. Sie waren auf Einladung der Tönisvorster Bücherei gekommen, um die intellektuell hochkarätige Sendung "Der philosophische Radio-Salon", die immer freitags um 20 Uhr ausgestrahlt wird, aufzuzeichnen.

Das Thema, das offensichtlich den Nerv der Tönisvorster getroffen hat, lautete diesmal "Gelassenheit". Aber was ist das eigentlich: Gelassenheit? Und wie wird man gelassen? Ist Gelassenheit überhaupt wünschenswert? Widersprechen sich Gelassenheit und Leidenschaft? Gibt es gelassenes Engagement? Das waren die Fragen, um die sich die fast eineinhalb stündige Diskussion schließlich drehte und an der die Zuhörer sich rege beteiligten.

Zunächst aber brauchte es, wie bei jeder Diskussion, eine Begriffsdefinition. Die lieferte Professorin Boshammer: "Wir leben in aufgeregten Zeiten. Gelassenheit ist eine Einstellung, die dazu führt, sich von der Aufregung nicht ergreifen zu lassen." Moderator Wiebicke hakte nach: "Ist es wohl von Vorteil, in einem Vorstellungsgespräch zu sagen, 'Meine gute Eigenschaft ist, dass ich gelassen bin'?" Susanne Boshammer gab zu: "Das klingt nach "Ich knie mich nicht rein" und kommt bestimmt nicht so gut an." Dabei sei Gelassenheit eine erstrebenswerte Tugend - zumindest in der Antike. Besonnenheit und Geisteskraft, die sich im Handeln des Menschen zeigen, seien ein Ziel auf dem Weg zum menschlichen Ideal der Antike gewesen.

Ein Zuhörer warf ein, dass Gelassenheit auch mit den Gefühlen Vertrauen und Überlegenheit verbunden sei. Eine Zuhörerin merkte an, Gelassenheit sei nicht in jeder Situation angemessen. Dem stimmte Professorin Boshammer zu: "Es waren die Stoiker, die auf die Idee gekommen sind, dass Gelassenheit eine Tugend sei. Wir sprechen noch heute von der stoischen Ruhe." Damit sei das Weltbild verbunden, dass die Dinge von Gott oder der Natur gegeben seien und der Mensch daran nichts ändern könne. "Das ist natürlich Galaxien von unserem heutigen Weltbild entfernt", sagte die Philosophin.

Die Diskussionsrunde war sich einig, dass die Gesellschaft zwischen den Extremen Unerzürnbarkeit, die zur Lethargie führe, und Jähzorn beides brauche: Gelassenheit und Engagement. So müssten unausweichliche Umstände mit Gelassenheit hingenommen werden, denn: "Gelassenheit besiegt Angst, zum Beispiel, die vor dem Tod", sagte Boshammer. Gleichzeitig gelte es aber, nicht alles hinzunehmen sondern sich dafür zu engagieren, die Dinge zum Bessern zu wenden. Die Professorin prägte abschließend den Begriff des gelassenen Engagements als Ideal.

Eine Zuhörerin gab den Versammelten noch einen neuen Gedanken mit auf den Heimweg: "Vielleicht ist die Gesellschaft gar nicht auf der Suche nach Gelassenheit, sondern auf der Suche nach Zuversicht und vielleicht sollte das unser Ziel sein."

Jeden Freitag von 20 bis 21 Uhr sendet WDR 5 den philosophischen Radio-Salon. Die Sendung, die am Dienstagabend im St. Töniser Rathaus aufgezeichnet wurde, wird aber erst in den Sommerferien 2017 ausgestrahlt.

Quelle: RP
 
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