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Angelika Feller
"Ehrenamt muss stärker gefördert werden"

Angelika Feller: "Ehrenamt muss stärker gefördert werden"
Angelika Feller war bereits elf Jahre lang stellvertretende Vorsitzende des Kreissportbundes, bevor sie vor wenigen Wochen den Vorsitz übernahm. FOTO: René Lamb
Kempen. Die Vorsitzende des Kreissportbundes über die veränderten Anforderungen an Vereine und Schulen.

"In die großen Schuhe, die Kurt Heinrich hinterlassen hat, muss ich erst einmal reinwachsen, zumal der KSB vor enormen Herausforderungen steht." Dies sagte vor wenigen Wochen Angelika Feller, als sie bei der Delegierten-Versammlung einstimmig zur neuen Vorsitzenden des Kreissportbundes (KSB) gewählt wurde und den langjährigen Vorsitzenden Kurt Heinrich ablöste. Die 61-jährige Tönisvorsterin, die bereits elf Jahre lang die stellvertretende KSB-Vorsitzende war, führt nunmehr den Dachverband mit rund 240 Vereinen und etwa 78 000 Mitgliedern.

Welche Bedeutung hatte der Sport früher in Ihrem Leben?

Feller Ich habe als Siebenjährige mit der Leichtathletik im Warburger Turnverein angefangen. Etwa drei Jahre später bin ich zum Tennissport gewechselt, habe in einigen Vereinen gespielt, zuletzt bis 2004 bei Grün-Weiß St. Tönis. Wir spielten zuletzt in der Bezirksklasse der Jung-Seniorinnen.

Sind Sie noch Mitglied in einem Sportverein?

Feller Ja, ich bin in der Tönisvorster IG Altensport. Und jeden Montag nach der intensiven Gymnastik bin ich erst einmal fix und fertig. Außerdem bin ich aktive Wassersportlerin. Wir, mein Lebenspartner und ich, sind relativ oft, sofern es die Zeit erlaubt, vor allem an der holländischen Küste im Segel- oder Motorboot unterwegs.

Elf Jahre lang waren Sie die stellvertretende Vorsitzende des KSB. Was waren für Sie damals die Beweggründe, sich aktiv im Dachverband einzubringen?

Feller Ich wollte mich an den Entscheidungen für den Sport in unserem Kreis beteiligen und an der Entwicklung mit arbeiten.

Wenn Sie die letzten elf Jahre beim KSB zurückverfolgen: Was waren die schönsten Momente, welche waren nicht so gut?

Feller Besonders schöne Momente waren, wenn sich behinderte und nicht behinderte Menschen zum Spielfest im Grefrather Eissportzentrum getroffen haben. Außerdem die Sportgala 2013 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des KSB und die Veranstaltung "Kids in action", um nur einige zu nennen. Da ich ein sehr positiv denkender Mensch bin, kann ich mich an weniger schöne Momente nicht erinnern. Vielleicht an einige KSB-Events, die eine bessere Resonanz verdient gehabt hätten.

Der Sport ist in den Vereinen genauso wichtig wie in den Schulen. Vor allem in den Grundschulen könnten wichtige Weichen gestellt werden. Aber an den Grundschulen gibt es kaum männliche Sportlehrer, teilweise rückt der Sport in den Hintergrund. Oder Kinder werden von den Mitschülern gehänselt oder vom Sport ganz vergrault, wenn sie zum Beispiel bei Bundesjugendspielen wenige Punkte bekommen. Muss sich nicht schon dort einiges verbessern?

Feller Ja, sicherlich. Jedoch haben wir leider darauf keinen direkten Einfluss, da dies das Hoheitsgebiet der Schulen ist. Man muss allerdings immer wieder sensibilisieren. Natürlich wünsche ich mir, dass der Sport in vielen Grundschulen einen höheren Stellenwert bekommt, denn Sport gehört zur Bildung und auch zur geistigen Fitness unbedingt dazu.

Für viele Kinder und Jugendliche, die durch Ganztag oder G 8 nicht mehr so viel Freizeit wie früher haben, ist der Computer wichtiger als der Sport in einem Verein. Auch hatte bei der Verabschiedung von Kurt Heinrich der Präsident des Landessportbundes von einem "Ausbluten der Vereine" gerade im Bereich der älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesprochen. Was kann man tun? Kann man überhaupt gegensteuern?

Feller Ich denke und hoffe, dass dieser Prozess nicht lange anhält. Die neuen Schulformen müssen sich erst fest etablieren, dann denke ich, wird es besser. Ich bin häufig in den Niederlanden, wo die Kinder, solange ich denken kann, ab ihrem fünften Lebensjahr bereits ganztags zur Schule gehen. Dort habe ich beobachtet, dass viele Sportvereine außer durch den demografischen Wandel keinen Mitgliederschwund haben. Sicherlich wären zusätzliche Initiativen von Sportvereinen wünschenswert. Aber da wird schon viel geleistet. Gut sind Programme wie "NRW bewegt seine Kinder" oder "Kids in action".

Immer mehr kommerzielle Anbieter kommen auf den Markt, die auch für die zunehmende ältere Generation entsprechende Angebote machen. Obwohl in vielen Vereinen auch Gesundheits- und Seniorensport angeboten wird und es dort sicherlich viel geselliger zugeht als in den Sportstudios: Hat man zu spät auf die Veränderungen reagiert?

Feller Erst einmal ein dickes Kompliment an die vielen Ehrenamtler in den Vereinen oder beim KSB. Sie sorgen in erster Linie mit den Vereinssportlern dafür, dass untereinander viele und wichtige Kontakte entstehen. Aber viele wollen sich nicht an die Vereine binden. Sie wollen frei entscheiden, an welchen Tagen sie wann und wohin gehen, auch wenn es viel mehr kostet. Dies ist anders geworden. Es ist schwierig, darauf zu reagieren. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal eine Vereinsbefragung durchzuführen, bei denen die Mitglieder ihre Erwartungen und Wünsche für die Zukunft konkretisieren. Vielleicht können sich daraus neue zeitgemäße und passgenauere Angebote entwickeln, die dann vielleicht auch andere interessieren.

Der Kreissportbund ist mit verschiedenen Stadt- und Gemeindesportverbänden und Vereinen im Austausch, um bei der Entwicklung neuer Perspektiven für die Zukunft des Sports Hilfestellung zu leisten. Sie können als KSB-Vorsitzende sicherlich nicht das Rad neu erfinden. Aber was möchten Sie mit ihrem Team erreichen?

Feller Die leistungswilligen und leistungsstarken Kinder und Jugendlichen stärker zu begleiten, wobei im Umkehrschluss auch die Kinder und Jugendlichen mit motorischen Defiziten erkannt und unter fachlicher Anleitung gefördert werden müssen. Und dass es uns außerdem gelingt, neue Angebote für die ältere Generation, zu der ich mich auch zähle, auf den Weg zu bringen.

Eine Fiktion: Wir springen mal in das Jahr 2025. Die KSB-Vorsitzende heißt nach wie vor Angelika Feller. Ergänzen Sie bitte diesen Satz: Es wäre schön, wenn bis dahin oder dann ...

Feller ... das Ehrenamt noch mehr gefördert wird. Teilweise gibt es ja schon eine sogenannte "Ehrenamtskarte" mit einigen Vergünstigungen, so im kulturellen Bereich. Dies ist auf jeden Fall ausbaufähig. Bis dahin sollte es auch in den Kommunen Ehrenamts-Beauftragte geben, die die Helfer und Helferinnen unterstützen und zum Beispiel Aktionen durchführen, um neue zu gewinnen. Es muss uns bis 2025 gelingen, möglichst mehr Kinder und Jugendliche zu bewegen. Vor allem auch diejenigen, die bislang, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht für den Sport begeistert werden konnten.

WILLI SCHÖFER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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