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Tönisvorst
Ein Leben für den Frieden

Tönisvorst: Ein Leben für den Frieden
Der Palästina-Experte aus Neuss, Marius Stark (links), hatte den Kontakt zu Reuven Moskovitz hergestellt. Der 87-Jährige fand deutliche Worte für die israelische Siedlungspolitik. FOTO: Wolfgang Kaiser
Tönisvorst. Der israelische Friedensaktivist und Holocaust-Überlebende Reuven Moskovitz war zu Gast im Michael-Ende-Gymnasium und in der Begegnungsstätte Vorst. Seine Zuhörer bat der 87-Jährige, jeden Menschen zu achten und zu tolerieren. Von Stephanie Wickerath

Reuven Moskovitz darf das. Er ist Jude, er hat den Holocaust überlebt, er wanderte 1947 nach Palästina ein und lebt seit der Gründung des Staates im Mai 1948 in Israel. Wer, wenn nicht er, darf die israelische Politik kritisieren und die deutsche Zurückhaltung? "Ich wünsche mir ein freundliches Machtwort von Deutschland", sagt der 87-Jährige bei der Gesprächsrunde in der "Alten Post" in Vorst. Es sei nicht hinnehmbar, wie die israelischen Politiker jede Chance zum Frieden verstreichen lassen, mit ihrer Siedlungspolitik andere Völker verdrängen und die Menschen mit "manipulierten Ängsten" gegen die Palästinenser aufbringen.

"Es ist erstaunlich, dass ein Volk mit dieser Geschichte, wie sie die Juden in Israel haben, so kriegerisch sein kann", sagt der 87-Jährige. Die Wahrheit über Israel werde nicht überall gerne gehört, aber es helfe nicht, sie totzuschweigen: "Die israelische Politik ist ungerecht gegenüber dem palästinensischen Volk. In Israel herrschen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Vorurteile werden geschürt, dabei sind die Palästinenser unser Geschwistervolk."

Er wünsche sich von Deutschland, das sich 50 Jahre lang als Freund Israels bewährt habe und mit Milliarden Dollar Aufbauhilfe geleistet habe, mehr Einmischung in die israelische Politik. "Reue und Scham, die deutsche Krankheit, verhindern, dass die Bundesrepublik die israelische Politik deutlich kritisiert und die Missstände anprangert", sagt Moskovitz. Bei der Gesprächsrunde in Vorst allerdings rennt der Israeli mit dem Wunsch an die deutschen Außenpolitiker offene Türen ein. "Die israelische Siedlungspolitik verhindert jede Möglichkeit für den Frieden im Nahen Osten", sagt eine Zuhörerin. Und: "Die Waffen müssen weg. Die Welt kann nicht mit noch mehr Waffen gestaltet werden", sagt eine andere.

Diese Botschaft ist es auch, die der Friedensaktivist den Schülern der Jahrgangsstufe 10 im Michael-Ende-Gymnasium mit auf den Weg gibt: "Bleibt menschlich, tolerant und offen. Versucht, die Welt besser zu machen." Reuven Moskovitz hat dieses Ziel selber ein Leben lang verfolgt. Der gebürtige Rumäne, der als Kind von den Nazis ins weißrussiche Ghetto Mogilew verschleppt wurde, wo 1941 jüdische Frauen, Männer und Kinder massenweise erschossen wurden, hat nicht zugelassen, dass sein Schicksal ihn bitter und böse werden ließ. Ganz im Gegenteil: Sein ganzes Wesen strahlt Herzlichkeit und Freundlichkeit aus.

Seit 40 Jahren besucht der Jude Moskovitz immer wieder Deutschland, das Täterland, und freut sich über dessen positive Entwicklung. In Israel hat er schon in den 1950er-Jahren verhindert, dass sein Kibbuz im Norden des Landes sich die Plantagen der Palästinenser aneignete, die vor dem israelischen Militär hatten fliehen müssen. 1975 dann gründete Moskovitz "Newe Shalom" mit, das erste und bis heute einzige Dorf in Israel, in dem jüdische und palästinensische Israelis zusammenleben.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Der lange Weg zum Frieden - Episoden aus dem Leben eines Friedensabenteurers" festgehalten. Immer wieder hat der ehemalige Geschichtslehrer vor den Gefahren des eskalierenden Terrors und Gegenterrors im Nahen Osten gewarnt, dessen Auswirkungen sich aktuell an den Flüchtlingszahlen auch in Deutschland zeigen.

Quelle: RP
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