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Tönisvorst
Ein Mückenschwarm, der bellen kann

Tönisvorst. Es ist ein sonniger Tag im Spätsommer, als Olaf Blumberg etwas passiert, das sein Leben völlig aus den Fugen bringt. "Ich war im Wald joggen, als ich eine Art Niesreiz in meinem Inneren spürte, ein Kribbeln, so als hätte ich einen Mückenschwarm verschluckt, der raus will", schreibt der heute 31-Jährige in seinem Buch. Die Diagnose: Tourette. Von Stephanie Wickerath

Was dann aus ihm rauskam, waren keine Mücken. Es war ein Bellen. Immer wieder hörte der Lehramtsstudent sich lauter und lauter bellen, ohne, dass er etwas dagegen hätte tun können. "Panik stieg in mir auf. Ich hatte Angst, verrückt zu werden, von Dämonen besessen zu sein, in der Psychiatrie zu landen."

Zwei schlimme Monate vergehen, in denen Blumberg Menschen meidet und unter Angst und Scham leidet, bis er aus einer neurologischen Praxis kommt und eine Diagnose in der Hand hält: Tourette, eine neuropsychiatrische Krankheit, die sich durch verbale und motorische Tics äußert. Es gibt Dinge, die die Tics verstärken, und Dinge, die sie seltener werden lassen. Heilbar ist Tourette nicht. Zehn Jahre ist es her, dass Blumberg die Diagnose bekam. Seitdem lebt er mit seinen "kleinen Teufeln", die immer dann in Erscheinung treten, wenn es besonders unpassend ist. Den Traum vom Lehrerberuf hat er aufgebeben. Stattdessen hat der 31-Jährige soziale Arbeit studiert und im vergangenen Jahr den Bachelor gemacht.

Seit ein paar Jahren lebt der gebürtige Berliner in Vorst. Der beschauliche Ort helfe, das Leben stressfreier zu gestalten. "Ein möglichst stressfreies Leben, Meditation und Sport tragen dazu bei, dass die Tics seltener auftreten", erzählt Blumberg bei einer Lesung im Kulturcafé "Papperlapapp". Olaf Blumberg wirkt, als habe er Frieden geschlossen mit dem Unfassbaren. In seinem Buch schafft er es sogar, einige Situationen so humorvoll zu schildern, dass die Zuhörer schmunzeln müssen. Andere Schilderungen sind umso krasser: Wie er die Käsetheke im Supermarkt anspuckt, wie er "Heil Hitler" oder "Fotze" ruft, wie er sich sooft mit dem Finger ins linke Auge sticht, bis er fast erblindet, wie er mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlägt, wie er sein T-Shirt zerreißt.

Auf die Frage, ob er durch die Krankheit in seinem Leben, in seinem Alltag eingeschränkt sei, antwortet Blumberg mit Nein. "Es sind allenfalls die Anderen, die mich einschränken, weil sie mit meinen Tics nicht klarkommen." Auch um die Krankheit bekannter zu machen und für Verständnis zu werben, hat Olaf Blumberg seine Geschichte in einem Buch erzählt.

Olaf Blumberg: "Ficken sag ich selten - Mein Leben mit Tourette", Ullstein-Verlag, 9,99 Euro.

Quelle: RP
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