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Tönisvorst
Ein neuer Blick auf deutsche Christen

Tönisvorst: Ein neuer Blick auf deutsche Christen
Zwei Jahre lang war die Christuskirche in St. Tönis seine Wirkungsstätte. Jetzt geht er mit seiner Familie zurück nach Frankreich. Er übernimmt eine Gemeinde in Romans-sur-Isère südlich von Lyon. FOTO: WOLFGANG KAISER
Tönisvorst. Der französische Gastpfarrer Robin Sautter wird am Sonntag offiziell verabschiedet. Zwei Jahre lang war er in der Christuskirche tätig. Jetzt kehrt seine Familie zurück nach Frankreich, wo er im Süden eine Gemeinde übernimmt. Von Heribert Brinkmann

Am 22. Juli kommt der Umzugswagen. Dann kehrt die Familie Sautter nach Frankreich zurück. Doch erst einmal wird am Sonntag der Abschied vom französischen Gastpfarrer Robin Sautter gefeiert. Im Gottesdienst um 10 Uhr werden Pfarrerin Daniela Büscher-Bruch und Pfarrer im Ruhestand Renz U. Schaeffer mit ihm gemeinsam am Altar der Christuskirche stehen. Der Gast aus Frankreich wird dann die Predigt halten - und er verspricht seiner Gemeinde und den neu gewonnenen Freunden eine "kleine Botschaft".

Vorher steht aber noch das EM-Spiel Deutschland-Frankreich an. Und da bekennt er, bisher habe er der deutschen Mannschaft die Daumen gedrückt, aber jetzt dann doch den Franzosen. Seine Töchter kennen die Namen der deutschen Spieler besser als die der Franzosen. Als sie vor zwei Jahren nach Tönisvorst kamen, sprachen alle kein Deutsch. Jetzt haben sie die Kita, die Grundschule und das Gymnasium besucht und neue Freundinnen gefunden. Zum Abschied haben diese gesammelt und der Ältesten ein Smartphone geschenkt, damit man gut in Kontakt bleiben könne.

Für die Familie ist es zwar eine Rückkehr in die Heimat, aber trotzdem ein Aufbruch in etwas Neues. Pfarrer Robin Sautter übernimmt eine Gemeinde in Romans-sur-Isère in der Auvergne, im Rhônetal rund 100 Kilometer südlich von Lyon gelegen. Seine neue Gemeinde hat nur 500 Mitglieder, zehnmal kleiner als die St. Töniser Gemeinde. Aber evangelische Christen sind in Frankreich eben eine verschwindend kleine Minderheit.

Die Unterschiede der Kirchen in Frankreich und Deutschland erscheinen Sautter groß. Die deutschen Christen zahlen Kirchensteuer und erwarten manchmal wie ein Kunde, etwas von der Kirche zu bekommen. In Frankreich haben die Gemeinden viel weniger Geld, aber dafür ist das Miteinander lockerer. Alle müssen mitmachen, sonst passiere nichts. Und wenn man schon arm sei, habe man keine Angst, noch ärmer zu werden. In den deutschen Gemeinden konnte er eine latente Sorge vor Kirchenaustritten und Geldfragen feststellen.

Beide Elternteile waren evangelische Christen. Was er als Kind in der Kirchengemeinde erlebt hat, wollte er anderen weitergeben. So wurde er Pfarrer. Sein Vater war Offizier der Marine, und die Familie musste oft umziehen. Sie lebte in Paris, Brest und Toulon. Sein Vater war Kommandant des Flugzeugträgers Foch (der im Jahr 2000 nach Brasilien verkauft wurde). Als 1994 das Nachfolgemodell Charles de Gaulle gebaut wurde, setzte sich sein Vater dafür ein, einen weiteren Flugzeugträger zusammen mit Deutschland zu bauen und ihn "Konrad Adenauer" zu taufen. Doch damals gab es in Frankreich noch zu viele Widerstände gegen solche Pläne.

Die Sautters, die ohne Auto in St. Tönis leben, haben die Gegend mit dem Fahrrad erkundet und wurden so zu echten Niederrheinern. Die Franzosen finden es wunderbar, dass in Deutschland alle Fahrrad fahren, auch die Senioren. In Frankreich, wo es viel weniger Fahrradwege gebe, sei das Fahren mit dem Rad wesentlich gefährlicher. Lustig fand die Familie auch den Vatertag, wo viele mit Bier unterwegs waren. Aber alle Gruppen, die man traf, waren freundlich und gut gelaunt. Überhaupt seien die Deutschen viel herzlicher und freundlicher als die meisten Franzosen denken. Sehr beeindruckt hat die Sautters, wie die Menschen in Tönisvorst mit großem Herz die Flüchtlinge aufgenommen und als Gemeinschaft sich um sie gekümmert haben. Und so richtig deutsch ist Robin Sautter bei der EM geworden: Am Grillen hat er ganz großen Gefallen gefunden.

Quelle: RP
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