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Tönisvorst
Flüchtlinge sind mit viel Eifer bei der Sache

Tönisvorst: Flüchtlinge sind mit viel Eifer bei der Sache
Deutsch-Lehrerin Nihal Demirhan unterrichtet die beiden ersten Stunden in der Willkommensklasse am Michael-Ende-Gymnasium. Im Mittelpunkt steht die deutsche Sprache: sprechen, schreiben, lesen. FOTO: WOLFGANG KAISER
Tönisvorst. Die Willkommensklasse am Michael-Ende-Gymnasium besuchen zurzeit 21 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren. Vom Analphabeten bis zur Abiturientin reicht dort das Bildungsspektrum. Von Stephanie Wickerath

Wie führe ich ein Heft? Wie stelle ich mich vor? Wie fülle ich ein Formular aus? Der Lehrplan der Willkommensklasse am Michael-Ende-Gymnasium in Tönisvorst unterscheidet sich deutlich von dem Fächerkanon, der sonst an der Schule gelehrt wird. Mindestens vier Stunden am Tag sitzen die 21 Jugendlichen, die die Willkommensklasse besuchen, gemeinsam im Raum F003. Im Mittelpunkt steht die deutsche Sprache: sprechen, schreiben, lesen.

Vorne am Lehrerpult steht Nihal Demirhan. Die 27-Jährige, deren Eltern einst aus der Türkei nach Deutschland kamen, hat Deutsch und Sozialwissenschaften studiert. Außerdem hat sie eine Zusatzqualifikation im Fach "Deutsch als Zweitsprache". Zunächst war sie als Vertretungslehrerin am Michael-Ende-Gymnasium eingesetzt, jetzt, da das Land zusätzliche Stellen für den Unterricht der Flüchtlingskinder genehmigt hat, hat Schulleiter Paul Birnbrich die junge Frau als Klassenlehrerin für die ausländischen Jugendlichen gewinnen können. "Wir sprechen auf Deutsch, Englisch und manchmal auch auf Türkisch miteinander", sagt Demirhan, die jeden Tag in den ersten beiden Stunden in ihrer Klasse unterrichtet.

Die anderen Stunden übernehmen sieben weitere Lehrer des Michael-Ende-Gymnasiums. Ihnen zur Seite steht immer ein Ehrenamtler, der "Trainer" heißt. Auf sechs Trainer kann die Schule bereits zurückgreifen. Es sind Menschen aus allen Berufsgruppen, die sich engagieren möchten. "Weil das Bildungsniveau sehr unterschiedlich ist, müssen wir die Gruppe oft teilen", erklärt die Klassenlehrerin. Die Trainer gehen dann mit den schwächeren Schülern den Lernstoff noch einmal durch und stehen mit Rat und Tat zur Seite, während die stärkeren Schüler neue Aufgaben bekommen. Alle acht Wochen steht ein Sprachtest an, der zeigt, welche Fortschritte die Schüler gemacht haben. Je besser sie sind, desto mehr Stunden können sie am Regelunterricht im Gymnasium teilnehmen.

In der fünften und sechsten Stunde besuchen die meisten aus der Klasse bereits jetzt den Regelunterricht. "Das ist oft Sport, Englisch oder Kunst", sagt Demirhan, die mit dieser Maßnahme die langsame Integration der Flüchtlinge fördern möchte. "Das Ziel ist, dass nach und nach alle Stunden in den Regelklassen besucht werden können und die Willkommensklasse leer ist", sagt die junge Frau. Zurzeit sehe es aber so aus, dass immer wieder neue Jugendliche kommen und andere gehen, weil sie abgeschoben wurden. Aber es gibt auch eine Erfolgsmeldung: Zwei Jugendliche konnten bereits in eine Lehre als Mechatroniker bei Siemens vermittelt werden. Lehrmaterial ist dank des Einsatzes von Schulleiter Birnbrich in der Willkommensklasse reichlich vorhanden. "Deutsch für Jugendliche" steht auf den Büchern, mit denen Nihal Demirhan arbeitet. Auch Übungen, die die deutsche Sprache spielerisch vermitteln, gibt es im Klassenraum. Außerdem hat Thomas Kroschwald, frisch pensionierter Lehrer der Schule und Koordinator der Flüchtlingsklasse, einen Flüchtlingsguide angeschafft, der darüber aufklärt, wie man sich in Deutschland verhält.

Die Lehrer sind begeistert von den Jugendlichen in der Willkommensklasse. "So viel Eifer und Motivation wünsche ich mir von all meinen Schülern", sagt die Nihal Demirhan, und Thomas Kroschwald bestätigt: "Kinder zu unterrichten, die so gerne lernen wollen, geradezu bildungshungrig sind, macht jedem Lehrer richtig viel Spaß."

Quelle: RP
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