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Tönisvorst
Gedanken eines Gratwanderers

Tönisvorst. Mit seinem aktuellen Programm "Das Letzte" unterhielt der Kölner Kabarettist Wilfried Schmickler die Gäste im ausverkauften Corneliusforum zwei Stunden lang aufs Beste. Für den Stadtkulturbund gab es wieder Lob vom Künstler. Von Stephanie Wickerath

"Ich freue mich, wieder in meinem absoluten Lieblings-Forum, bei meinem absoluten Lieblings-Stadtkulturbund, in meiner absoluten Lieblings-Apfelstadt Tönisvorst zu sein", begrüßt Kabarettist Wilfried Schmickler seine Gäste im Corneliusforum, wo er auf Einladung des Stadtkulturbunds Tönisvorst gastiert. Und die Gäste hätten zurückrufen können, dass sie sich auf ihren absoluten Lieblings-Kabarettisten freuen, denn der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Und die gut 500 Besucher werden nicht enttäuscht.

Auch das aktuelle Programm des Kölners mit dem Titel "Das Letzte" ist nämlich wieder voll von bissigem Witz und tiefer Wahrheit. Bei allem Zynismus wird Schmickler nie bitter, sarkastisch oder polemisch, und das, obwohl er so ziemlich alle Missstände im Land und außerhalb kennt und den Finger in die Wunden legt. Der 61-Jährige behält dabei aber stets gute Laune, verliert nie den Humor und bleibt immer optimistisch, denn: "Am Morgen nach dem Untergang des Abendlandes geht die Sonne wieder auf - und zwar im Westen."

Das Thema Nationalismus und der Ton seiner Vertreter ist der rote Faden, der sich durch das neue Programm vom Schmickler zieht. So sei die Gürtellinie früher die Grenze gewesen und "die Rechtsradikalen haben in die Tischkante gebissen". Heute aber stünden sie "mit heruntergelassener Hose auf den Marktplätzen und lassen ihren verbalen Mist ab." Zu diesem Thema passt auch das "Schmähgedicht", wie es Schmickler in Anlehnung an Jan Böhmermann nennt, mit dem Titel "Aufstand im Gauland".

Während die Wortbeiträge allesamt trotz des tieferen Ernstes heiter bleiben, sind die Lieder, mit denen der Kölner sein Programm bereichert, mitunter beklemmend. "Kleiner Mann und kleine Frau" ist dafür ein gutes Beispiel. Es handelt von einem Paar, das sich immer benachteiligt fühlt, das immer "da steht, wo der Dauerregen fällt", das "zehn Lose kauft und 25 Nieten zieht." Eines Tages aber schließt das Paar sich "dem Volk" an, das selbstbewusst marschiert und Fahnen schwenkt, und plötzlich sehen der kleine Mann und die kleine Frau, dass "weiter unten noch einer ist, der noch kleiner ist", auf den man draufhauen kann und dessen Heim man anzünden kann. Und dann feiern sie sich, während draußen die Sirenen heulen.

Überhaupt: die Intoleranz, der Egoismus, die Gier, immer wieder sind das Schmicklers Themen. Auch im "Tagebuch eines Gratwanderers", aus dem der Kabarettist ein paar Passagen ins Programm einstreut, geht es darum. Der 61-Jährige stellt viele interessante Fragen, über die man mal in Ruhe nachdenken müsste, was aber nicht möglich ist, weil dieser Mann auf der Bühne so unglaublich schnell denkt und spricht.

Ein paar Fragen aber bleiben hängen: "Wenn es wirklich einen Unterschied zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen gibt, haben Hunger und Armut dann nichts mehr mit Politik zu tun? Sind Flüchtlingsströme Naturgewalten? Fallen Waffen vom Himmel? Wenn Deutschland nicht das Sozialamt der Welt sein will, dürfen die Brasilianer dann sagen, dass sie nicht das Gewächshaus sein wollen?" Die Antworten darauf darf sich jeder selber geben.

Quelle: RP
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