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Tönisvorst
Geflohen, um seinen Glauben zu leben

Tönisvorst: Geflohen, um seinen Glauben zu leben
Mahdi Khodadadi aus dem Iran musste seine Heimat verlassen, weil er zum Christentum konvertieren wollte. Im November möchte er sich in der evangelischen Kirche St. Tönis taufen lassen. FOTO: STEPHANIE WICKERATH
Tönisvorst. Die Rheinische Post stellt in loser Folge Menschen vor, die vor Krieg, Verfolgung, Elend und Armut geflohen sind. Sie erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben, welche Hoffnungen sie haben, wie sie in Deutschland leben. Von Stephanie Wickerath

Wann immer in der evangelischen Kirche an der Hülser Straße Gottesdienst gefeiert wird, ist Mahdi Khodadadi dabei. Um seinen Glauben leben zu können, musste der 26-Jährige seine Heimat, den Iran, verlassen. "Ich war ursprünglich Moslem", erzählt der junge Mann, "als eine meiner drei Schwestern erkrankte, habe ich sie oft im Krankenhaus besucht." Dabei lernte Mahdi einen Pfleger kennen, mit dem er sich anfreundete. Der Krankenpfleger war Christ und hat dem Moslem von seinem Glauben erzählt.

Irgendwann nahm der neue Freund Mahdi mit zu einem Treffen. "Die Christen treffen sich in Schiras, meiner Heimatstadt, im Untergrund", erzählt der 26-Jährige. Im Iran habe sich eine Art Untergrundreligion für Moslems, die zum Christentum konvertieren wollen, entwickelt. "Viele Iraner fühlen sich zum Christentum hingezogen", sagt Mahdi. Hintergrund sei die Ablehnung des Regimes, das allein religiös legitimiert ist und auf der Grundlage religiöser Prinzipien ausgeübt wird.

Seit der islamischen Revolution 1979 ist der Iran eine so genannte theokratische Republik, die von schiitischen Geistlichen geführt wird. Der Gottesstaat kontrolliert das Leben der Bürger und achtet auf religiöse und ideologische Gleichheit. Wer zum Christentum konvertiert, wird als Verräter verurteilt und muss mit der Todesstrafe durch Köpfen rechnen. Nach offiziellen Angaben der internationalen Gesellschaft für Menschenrechte sitzen derzeit rund 20.000 Iraner im Gefängnis, weil sie dem Regime widersprochen oder eine andere Religion angenommen haben.

Für Mahdi Khodadadi, dem jungen Sportstudenten aus der Millionenstadt Schiras, war das keine Perspektive. Er suchte nach einem Ort, wo Christen und Moslems friedlich miteinander leben und ihren Glauben nicht verheimlichen müssen, wo Menschenrechte geachtet werden und die Regierung demokratisch gewählt wird. Zehn Tage dauerte es, bis Mahdi da war, wo er diese Freiheit vermutete: Deutschland.

Im Auto, zu Fuß, im Bus und schließlich im Lastwagen eines Schleppers erreichte der 26-Jährige vor knapp vier Monaten Deutschland. In Tönisvorst wurde er zunächst in einer Turnhalle untergebracht, jetzt teilt er sich mit einem weiteren Iraner und einem Chinesen ein Zimmer in der neuen Flüchtlingsunterkunft an der Industriestraße in St. Tönis. Dass er über die Flüchtlingshilfe Tönisvorst auf so viel nette und hilfsbereite Menschen stößt, hätte Madhi nicht gedacht. Aber es bestärkt seine Verbundenheit mit dem Christentum, wo das Wort "Nächstenliebe" schließlich einen zentralen Stellenwert hat.

Ob sein Asylantrag angenommen wird, weiß der Iraner nicht. Er lernt trotzdem fleißig die deutsche Sprache und möchte, wenn seine Zeugnisse anerkannt werden, als Sportlehrer oder Physiotherapeut arbeiten. Auch an seinem Wunsch, als Christ zu leben, ändert eine mögliche Abschiebung nichts. Wie ernst es dem 26-Jährigen damit ist, zeigt das Strahlen in seinen Augen, wenn er von einem Ereignis spricht, das im November ansteht: Dann wird Mahdi Khodadadi in der evangelischen Kirche St. Tönis getauft.

Quelle: RP
 
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