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Tönisvorst
Gestrandet in Deutschland

Tönisvorst: Gestrandet in Deutschland
Mohamed Naciri gefällt es in Deutschland. Da die EU Marokko gerade zum sicheren Herkunftsland erklärt hat, ist es allerdings unwahrscheinlich, dass der junge Mann in Deutschland bleiben darf. FOTO: Wolfgang Kaiser
Tönisvorst. Die Rheinische Post stellt in loser Folge Menschen vor, die vor Krieg, Verfolgung, Elend und Armut geflohen sind. Sie erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben, welche Hoffnungen sie haben, wie sie in Deutschland leben. Von Stephanie Wickerath

Mohamed Naciri hat seine Heimat schon lange nicht mehr gesehen. Wie etwa drei Millionen Marokkaner lebt der heute 27-Jährige seit Jahren in Europa. Im Dezember 2007 hat er Nordafrika verlassen, um irgendwo in Europa Arbeit zu finden, von der er leben und mit der er seine Eltern unterstützen kann. Seitdem irrt Mohamed über den Kontinent. Die Türkei, Griechenland, Österreich, die Schweiz und schließlich Deutschland hat er in den vergangenen acht Jahren kennengelernt.

"Ich habe ein Diplom als Glaser", erzählt der Marokkaner. Mit elf Jahren haben die Eltern ihn aus der Schule genommen, weil er Geld verdienen musste. Er half seinem Vater, und obwohl die beiden jeden Tag arbeiteten, reichte das Geld vorne und hinten nicht. In vielen Regionen Marokkos herrscht bittere Armut. Besonders in den ländlichen Gebieten gibt es kaum Arbeit. Auch die medizinische Versorgung konzentriert sich hauptsächlich auf die Städte. Malaria, Durchfälle und Mangelernährung sind in armen Regionen des Landes besonders verbreitet.

Als Mohamed 18 Jahre alt ist, beschließt er, sein Glück in der Ferne zu suchen. Seine erste Station ist die Türkei. Weil es dort keine Arbeit für ihn gibt, geht er nach Griechenland. Auf Kreta verkauft er Tierfutter, und in Thessaloniki arbeitet er in einer Hähnchenschlachterei. Als der Besitzer auffliegt, weil er zu viele "Illegale" beschäftigt, wird die Fabrik geschlossen. Mohamed findet Arbeit in einer Schreinerei. 2014 aber, als die Krise Griechenland voll erfasst, muss sein Chef ihn entlassen.

Der Marokkaner zieht weiter. Über Mazedonien, Kosovo, Serbien und Ungarn landet er in Wien. "Dort habe ich eine Woche auf der Straße gelebt, niemand hat sich um mich gekümmert, ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte", erzählt der junge Mann. Kurzentschlossen steigt er in einen Zug. Das Ziel ist ihm egal. In St. Gallen wird der Schwarzfahrer geschnappt. Die Schweizer Beamten raten ihm, einen Asylantrag zu stellen. Nach sechs Monaten wird der Antrag abgelehnt, und Mohamed muss das Land verlassen. Er zieht weiter nach Deutschland. Auch hier hat er vor sechs Monaten einen Asylantrag gestellt, der aber noch nicht bearbeitet worden ist.

Mohamed gefällt es in Deutschland. "Hier ist alles gut", sagt er. Es gebe Gesetze, an die sich die meisten Menschen halten, wenig Arbeitslose und wenig arme Menschen. In keinem Land habe er so viel menschliche Hilfe bekommen wie in Deutschland. Besonders die Flüchtlingshilfe Tönisvorst habe dazu beigetragen, dass er sich zuhause fühle. Dass in der Silvesternacht in Köln ausgerechnet so viele Marokkaner übergriffig und kriminell geworden sind, kann Mohamed nicht verstehen. "Ich glaube, die haben Drogen genommen und wussten nicht, was sie tun", sagt der 27-Jährige. "Vielleicht sind sie auch gerade erst nach Deutschland gekommen und kennen die Regeln nicht."

Mohamed weist ein solches Verhalten weit von sich. Er will sich integrieren und Deutschland etwas zurückgeben. "Ich will hier arbeiten und eigenes Geld verdienen." Die Sprache hat er bereits gelernt, und bei seinem Praktikum in einer Druckerei ist er so gut angekommen, dass der Chef ihn gerne einstellen würde. "Das geht aber erst, wenn mein Asylantrag anerkannt ist", sagt der Marokkaner. Da die EU Marokko gerade zum sicheren Herkunftsland erklärt hat, ist es unwahrscheinlich, dass der junge Mann in Deutschland bleiben darf. Zurück nach Marokko aber will er nicht. "Ich war da schon so lange nicht mehr, ich gehöre da nicht mehr hin", sagt Mohamed, der außerdem fürchtet, dass seine Familie ihn verachtet, wenn er nach so vielen Jahren im reichen Europa mit leeren Händen zurückkommt.

Quelle: RP
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