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Tönisvorst
Kabarettist serviert viele unbequeme Wahrheiten

Tönisvorst. Mehr als 400 Gästen bescherte der großartige Hagen Rether einen fast vierstündigen, kurzweiligen Abend.

Auf Einladung des Tönisvorster Stadtkulturbundes gastierte der in Essen beheimatete Kabarettist Hagen Rether im Forum Corneliusfeld. 110 Minuten nach der Begrüßung "Schön, dass Sie nicht grillen sind" kam Rether zum Punkt: "Lass mal anfangen." Ganz klar: Dieser Mann arbeitet lange für sein Geld. Sitzt da - schwarzer Anzug, weiße Kniestrümpfe, den Pferdeschwanz akkurat mit Haargummi gebändigt - und parliert scheinbar beiläufig von den Plagen des modernen Menschen wie etwa Stress ("der Fötus kaut Nägel"), sozialen Jahren nach dem Abitur ("Was war das denn vorher?") oder 50er-Jahre-Folklore als aktuellem Feindbild: "Der Stalinismus ist einer meiner Hauptsorgen!"

Hinter der Fassade des perfekten Schwiegersohns verbirgt der gebürtige Bukarester seinen messerscharfen Verstand, der unbequeme Wahrheiten zutage fördert und Mitdenken erfordert. "Und - wie ist die Freiheit?", fragt Rether und grinst verschwörerisch. Er hält uns den Spiegel vor, die wir satt und sicher sind. Er spricht unsere wirklich wahren Sorgen an, etwa dass die Sonnenfinsternis-Brille ausverkauft ist, während ein US-amerikanischer Drohnenpilot per Homeoffice feindliche Stellungen bombardiert.

Wutbürger und Nichtwähler nimmt er aufs Korn, stellt die Frage nach dem Sinn der Angst vor bärtigen Männern und legt offensichtliche Widersprüche dar: "Wenn ins Steuerparadies die Steuersünder kommen, habe ich keine Angst mehr."

Immer wieder schenkt sich Rether schluckweise stilles Wasser ein, nippt und stellt das Glas auf den Boden zurück. Es ist warm im Forum, durch die Sonne des Vortages aufgeheizt. Das passt zum Gemüt des Künstlers, doch er lässt seinen Gedanken immer nur in betont ruhiger Art freien Lauf, eckt mit Meinung statt Lautstärke an. Ein feiner Zug ist das, ebenso wie der Hinweis eines Passanten, der Rether einst sagte, es sei unverantwortlich, den Juden so viele Moscheen zu bauen. Sein Kommentar: "Vielen Dank fürs Gespräch!" Der Mann, der gerne arte schaut und sich dann vergleichsweise blöd vorkommt, versteht RTL-Zuschauer sehr genau - immerhin ist die Fallhöhe dort eine andere. Seine Feindbilder sind da eher Politiker (CDU) oder die Kirche (katholisch). Am Ende bleibt nur eine Frage offen: "Haben Sie eigentlich Sommerreifen?"

(tone)
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