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Tönisvorst
Kein Stein bleibt auf dem anderen

Tönisvorst: Kein Stein bleibt auf dem anderen
Großer Andrang herrschte gestern bei "Tönisvorst um 8" im Kulturcafé Papperlapapp. Das Interesse am Thema, wie sich die Digitalisierung auf kleine und mittlere Unternehmen auswirkt, war besonders groß. FOTO: WOLFGANG KAISER
Tönisvorst. Beim Unternehmerfrühstück "TönisVorst um 8" referierte Professor Wilhelm Mülder von der Hochschule Niederrhein über die Chancen und Gefahren der Digitalisierung für kleine und mittlere Unternehmen. 70 Gäste kamen nach Vorst. Von Heribert Brinkmann

75 Anmeldungen - das war Rekord für das Unternehmerfrühstück "Tönisvorst um 8" der städtischen Wirtschaftsförderung und der Sparkasse Krefeld. Auch wenn nicht alle gekommen waren, geriet der Saal im ersten Stock des Kulturcafés Papperlapapp an seine Grenzen. Trotzdem war Wirtschaftförderer Markus Hergett hochzufrieden. Bürgermeister Thomas Goßen dankte dem Sponsor Sparkasse für die Unterstützung dieser Veranstaltung. Und Thomas Lengwenings, Leiter Gewerbekunden-Center der Sparkasse in Tönisvorst, nutzte die Gelegenheit, auf ein kleines Jubiläum hinzuweisen: Im Mai besteht Tönisvorst um 8 bereits fünf Jahre. Ihn freut es, diese Erfolgsgeschichte fortschreiben zu können. Für Anregungen, Wünsche und Kritik wurde gestern eine Karte für eine kleine Umfrage ausgelegt.

Das große Interesse war sicher auf das Thema "Digitalisierung und das Internet der Dinge" zurückzuführen. Als Referent konnte Wilhelm Mülder, Professor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, gewonnen werden. Der Wirtschaftsinformatiker im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften - seit 1991 - gestand gleich zu Beginn seiner Ausführungen, dass es für ihn eine Premiere sei, so früh vor einem großen Publikum zu sprechen. Der Hochschulbetrieb starte dann doch schon etwas später. Der 65-jährige Wissenschaftler zeigte sich in seinem Impulsvortrag auf der Höhe der Zeit.

Wenn von der Industrie 4.0 gesprochen wird, ist damit die industrielle Revolution durch die Digitalisierung gemeint. Nach der ersten Revolution durch die Erfindung der Dampfmaschine und der zweiten durch Elektrizität und Fließband folgte als dritter Einschnitt der Einzug von Computern in den 1960er und 1970er Jahren in die Büros und Fabrikhallen. Jetzt steht die Gesellschaft an der Schwelle einer umfassenden Digitalisierung, in der Maschinen untereinander kommunizieren - und das weitgehend ohne menschliche Assistenz. Die Produktion läuft vollautomatisch. Beim Internet der Dinge kommunizieren Dinge, Maschinen autonom.

Mülder sprach dabei auch Roboter an, die in vielen Bereichen bei Routinearbeiten den Menschen ersetzen können. So wurden bereits Roboter entwickelt, die etwa in Altenheimen bettlägerige Menschen aus dem Bett heben und in einen Rollstuhl setzen können. In den USA wurde ein autonomer Traktor getestet, der, mit GPS, Radar und Kameras ausgestattet, die Arbeit auf dem Feld automatisch erledige. Die IT-Wissenschaftler gehen davon aus, dass 45 Prozent aller Tätigkeiten automatisiert werden können, allerdings werden nur fünf Prozent komplett automatisch funktionieren. Für Ärzte und Juristen eröffnen sich mit dem Zugriff auf großen Datenmengen ganz neue Möglichkeiten der Diagnose oder der Fallanalyse.

Die Digitalisierung erzeugt große Mengen von Daten. Und die führenden Unternehmen haben einen enormen Datenhunger. Mülder nannte als Beispiel das zukünftige autonome Fahren oder heute die Fahrerassistenz. Der Wissenschaftler ließ die Frage offen, wem die im Auto generierten Daten gehörten: dem Fahrer oder Halter, der Autoversicherung oder dem Fahrzeughersteller? Ein heute schon vorhandenes Beispiel von künstlicher Intelligenz ist das spracherkennende Assistenzsystem "Alexa". Noch ist das System nicht wie ein Mensch lernfähig. Mülder gab als Beispiel an, dass Alexa durchaus bei Wiederholungen den gleichen Joghurt bestelle, auch wenn der dem Besteller nicht geschmeckt habe. Das wird sich aber in Zukunft sicherlich umprogrammieren lassen. Beim Schachspielen schlägt der Computer den Menschen schon längst.

Allein diese Beispiele machen klar, dass es um eine umwälzende Entwicklung geht, deren Folgen im Einzelnen noch nicht abzusehen sind. Arbeit und Gehalt, Wertschöpfung und Erhebung von Steuern (Stichwort: Roboter-Steuer) müssen neu definiert werden. Schlagworte wie "das klassische Büro hat ausgedient" oder die Behauptung von Zhang Ruimin vom chinesischen Konzern Haier, bald gebe es keine Angestellten mehr, verängstigen dabei eher. Gewerkschaftler werden die These, der Achtstundentag sei Schnee von gestern, sicher nicht teilen. Niemand weiß, wieviel Arbeitsplätze vernichtet und neue geschaffen werden. Prognosen lauten, dass 25 Prozent der Unternehmen in ihrer Existenz gefährdet seien und 57 Prozent neue Wettbewerber bekämen. Aber nur 20 Prozent haben bereits eine Strategie für die Digitalisierung entwickelt.

Quelle: RP
 
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