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Tönisvorst
Mit Musik konnte Jerzy Gross überleben

Tönisvorst: Mit Musik konnte Jerzy Gross überleben
Die Vorster Autorin und Radio-Journalistin Angela Krumpen. FOTO: KAISER
Tönisvorst. Die St. Töniser Buchhandlung bietet am 22. Oktober eine ganz besondere Lesung an: Die Vorster Autorin Angela Krumpen berichtet über Jerzy Gross, einen der "Schindlerjuden", und von der besonderen Kraft der Musik. Von Heribert Brinkmann

Bevor der KZ-Überlebende Jerzy Gross im Sommer 2014 starb, sagte er zu der jungen Kölner Geigerin Judith Stapf: "Vergiss mich nicht, aber feiert eine Pizza-Party." Eine solche Pizza-Party mit Lesung und Live-Musik wird am kommenden Donnerstag, 22. Oktober, in der St. Töniser Buchhandlung gefeiert (siehe Info-Kasten). Die Vorster Autorin und Radio-Journalistin Angela Krumpen hat das Buch "Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste" geschrieben und wird daraus lesen. Sie war es auch, die den über 80-jährigen KZ-Überlebenden Jerzy Gross und die junge Geigerin Judith Stapf zusammenbrachte. Die Begegnung über die Generationen hinweg funktionierte nur über die Musik: Beide sind Geiger.

Judith Stapf, 1997 in Rheinbach bei Bonn als Tochter einer Musikfamilie geboren, wollte schon mit zwei Jahren Geige spielen. Mit drei erhielt sie eine Pappgeige, was sie tief enttäuschte. Mit einer 1/16 Kindergeige fing sie dann richtig an. Mit zehn stieß sie auf YouTube auf die Titelmelodie des Spielberg-Films "Schindlers Liste". Das von John Williams komponierte Geigenstück interpretierte der Israeli Itzhak Perlman. Judith eignete sich das Stück an, wollte aber über das Technische hinaus den Hintergrund verstehen, jemandem, der "das Schlimme erlebt" hat, in die Augen schauen. Angela Krumpen, die mit Judiths Mutter befreundet ist, brachte die damals Elfjährige mit Jerzy Gross in Köln zusammen. Den mehrjährigen Austausch der beiden Geiger beschreibt Angela Krumpen 2011 in dem bei Herder erschienenen Buch "Spiel mir das Lied vom Leben". Gemeinsam mit Martin Buchholz dokumentierte Krumpen auch die Reise der beiden nach Polen für den WDR. Der Fernsehfilm lief im Ersten und auf 3Sat.

Jerzy Gross, der damals wegen anonymer Drohanrufe von Neonazis unter dem Pseudonym Michael Emge auftrat, war nach 52 Jahren das erste Mal wieder in Polen. Gross, 1929 als Sohn eines deutsch-jüdischen Ingenieurs und einer Wiener Katholikin in Krakau geboren, entdeckte mit fünf, sechs Jahren die Geige seines Onkels und erhielt ersten Unterricht. Nach dem Polenfeldzug 1939 kam die Familie Gross ins Ghetto Bochnia und später in die KZ Plaszow und Groß-Rosen. Schon im Ghetto versorgte er den Schäferhund des Kommandanten Müller, später im KZ versorgte er die scharfen Hunde im Zwinger. Die Mutter arbeitete in Schindlers Email-Fabrik für unzerbrechliches Küchengeschirr. Jerzy Gross, der Mutter und Vater im KZ verlor, überlebte durch die Musik. Er übte auf einem Stock die Tonleitern, und als er das nicht mehr konnte, sang er. Als er nach dem Krieg Erstickungsanfälle hatte, rettete ihm auf ärztlichen Rat das Geigenspiel das Leben. Er wurde Geiger im polnischen Radio. Als in Polen der Antisemitismus zunahm, reiste er nach Israel aus. Dort litt er darunter, vielfach danach gefragt zu werden, wen er verraten habe, um den Holocaust zu überleben. Als in Düsseldorf dem ehemaligen Kommandanten Müller der Prozess gemacht wurde, reiste er Anfang der 60er Jahre nach Deutschland, um Müller, der ihm als jüdischen Jungen immer geholfen hatte, zu entlasten. Der Prozess platzte, aber, als Gross schwer krank wurde, blieb er in Deutschland und lebte bis zu seinem Tode 2014 in Köln. Auf zahlreichen Veranstaltungen an Schulen hat er zusammen mit Angela Krumpen die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten. Wenn die Zeitzeugen aussterben, liege es jetzt an uns, die Erinnerung an die Generation der Kinder weiterzugeben, sagt Angela Krumpen.

Quelle: RP
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