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Tönisvorst
Schaffner auf einem Stück Heimat

Tönisvorst. Hannes Hausmann (72) versieht in fahrendem Denkmal "Schluff" nun im siebten Jahr seinen Dienst. Und der hat es - inklusive Verstauen von Fahrrädern - durchaus in sich. "An einem Tag mit 30 und mehr Grad wissen Sie, was Sie getan haben." Von Jochen Lenzen

Ein historischer Eisenbahnzug ist kein ICE-Liner, der schnell, aber sanft über die Schienen gleitet. Vielmehr kann es im Schluff, der seit 80 Jahren in Nachfolge der Krefelder Dampfeisenbahn von 1868 zwischen St. Tönis und dem Hülser Berg verkehrt, schon mal ordentlich rumpeln. "Wenn ich dann beide Hände brauche, um die Fahrkarten zu lochen, muss ich aufpassen, dass ich nicht ganz schnell auf der Nase liege", sagt Hannes Hausmann. Der 72-Jährige ist Mitglied des Vereins "Freunde der Eisenbahn" und versieht jetzt im siebten Jahr ehrenamtliche Schaffnerdienste in dem historischen Zug, der von der inzwischen sieben Jahrzehnte alten Lok Bismarck XV gezogen wird.

"2009 habe ich mal bei den Eisenbahnfreunden reingeschnuppert, und da hatte mich der damalige Vorsitzende Rüdiger Jost direkt am Wickel", erinnert sich der pensionierte Finanzbeamte. Ein Zweck dieses Vereins - wie übrigens auch der "Interessengemeinschaft Schienenverkehr Krefeld" - ist es, für die SWK als Eigentümerin des Schluffs für die sommersonntäglichen Freizeitfahrten ehrenamtlich zwei Schaffner und einen technischen Zugbegleiter zu stellen. Darüber hinaus kümmert sich der "Traditionsverein Bus und Bahn" der ehemaligen Mitarbeiter der Krefelder Verkehrs AG (Krevag), gemeinsam mit dem Verein "Lebenshilfe Krefeld" um den Büffet-Wagen des Schluffs.

Bevor Hannes Hausmann im Mai 2011 seinen ersten Einsatz hatte, musste er sich - wie alle anderen Schluff-Ehrenamtler - einer arbeitsmedizinischen Untersuchung durch die SWK unterziehen. "Dann wird man wegen des einheitlichen Erscheinungsbilds eingekleidet, mit dunkelblauem Anzug, hellblauem Hemd und Sicherheitsschuhen. Die Schirmmützen besorgen sich die Schaffner selbst. Schließlich gibt es eine ganztägige Einweisung, die jedes Jahr wiederholt wird."

Der Tag als Schaffner ehrenhalber beginnt für Hausmann - und stets einen zweiten Kollegen - um 10 Uhr am Betriebshof in St. Tönis. Zehn Stunden später ist er dann nach der Abrechnung des eingenommenen Fahrgelds wieder zu Hause an der Grotenburgstraße in Bockum. In seinem dortigen Garten liegen über eine Strecke von etwa 35 Metern auch die Schienen für seine Lehmann-Eisenbahn. Die ersten Teile hat er vor rund 30 Jahren geschenkt bekommen und die Sammlung nach und nach erweitert. Heute verfügt er über fünf Loks und ein gutes Dutzend Güter- und Personenwagen im Maßstab 1 : 22,5.

Bevor für Hausmann und seinen Schaffner-Kollegen in St. Tönis die erste Fahrt des Einsatztags losgeht, werden die Schaffnerkassen mit Wechselgeld bestückt und die eventuell mitgebrachten Fahrräder der Zuggäste in den Gepäckwagen gehievt. Das wiederholt sich dann an den Stationen Nordbahnhof und Bahnhof Hüls, bevor am Hülser Berg wieder entladen wird. "An einem Tag mit 30 und mehr Grad wissen Sie, was Sie getan haben", sagt der 72-Jährige.

Dreimal geht es an einem Einsatztag zwischen St. Tönis und Hülser Berg hin und her. Die beiden Schaffner gehen gegenläufig von vorn und von hinten durch den Zug, um die Fahrkarten zu verkaufen. Meist trifft man sich, bis der Nordbahnhof erreicht ist, im Büffet-Wagen in der Zugmitte. Und das wiederholt sich nach jeder Station. "Wenn man von den Gästen die Art der Karten - Strecke, Hin- und/oder Rückfahrt, eventuelle Vergünstigung - erfragt hat, kann es vorkommen, dass auswärtige Fahrgäste wissen wollen, was man am Zielort denn so alles machen kann", erzählt Hausmann. "Dann nenne ich beispielsweise am Hülser Berg die Gastronomien, den Spielplatz und die Wildgehege und verteile Info-Flyer." Noch zwei, drei Jahre will der Pensionär seinen Schaffnerdienst noch versehen. "Dann muss es gut sein mit dem aktiven Anti-Aging-Programm", sagt Hausmann, der für seinen Verein und den Schluff auf Nachwuchskräfte hofft.

Die Schluffsaison beginnt am Feiertag des 1. Mai. Dann fährt er bis zum 24. September jeden Sonntag dreimal die 13,6 Kilometer-Strecke von St. Tönis bis zum Hülser Berg - und natürlich wieder zurück. Hin- und Rückfahrt kosten für Kinder sieben und für Erwachsene zwölf Euro.

Quelle: RP
 
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