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Tönisvorst
Theaterstück blickt hinter die Fassade

Tönisvorst: Theaterstück blickt hinter die Fassade
Die Theateraufführung des Literaturkurses wird heute im Forum Corneliusfeld noch einmal zu sehen sein. Vorbild ist der US-Film "Die zwölf Geschworenen", in dem ein Puerto-Ricaner aus den Slums seinen Vater ermordet haben soll. FOTO: ACHIM HÜSKES
Tönisvorst. "Glauben Sie wirklich, er ist unschuldig?" heißt das Stück des Literaturkurses am Michael-Ende-Gymnasium, in dem die Oberstufenschüler sich mit Vorurteilen und Meinungsfreiheit auseinandersetzen. Von Stephanie Wickerath

Frei nach dem amerikanischen Spielfilm "Die zwölf Geschworenen" haben 15 Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses der Q1 am Michael-Ende-Gymnasium Tönisvorst ein eigens Stück konzipiert. "Die Schüler wollten gerne ein Theaterstück aufführen, das sich mit Vorurteilen auseinandersetzt und für Toleranz wirbt", erzählt Lehrerin Julia Gebhardt. Auch wegen der Flüchtlinge in Deutschland - am Michael-Ende-Gymnasium gibt es eine Willkommensklasse für ausländische Jugendliche - sei den Schülern dieses Thema wichtig. "Letztlich war es dann die Idee eines Schülers, aus dem Film ein Theaterstück zu konzipieren", sagt die Lehrerin.

Rund acht Monate arbeiteten die 15- bis 18-Jährigen aus der Stufe Q1 mit ihrer Lehrerin an dem Stück. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Den Zuschauer erwartet ein betont karges Bühnenbild: Zwölf Stühle, die hinter einer Tischreihe stehen, ein Tisch mit Getränken und ein Waschbecken sind aufgebaut. Das Bühnenbild suggeriert, dass es sich um eine nüchterne Angelegenheit handelt. Tatsächlich aber kochen die Emotionen im Laufe der nächsten zwei Stunden hoch.

Nach und nach nehmen die Geschworenen Platz. Sechs Tage haben sich zuvor einem Mordprozess beigewohnt. Ein 19-Jähriger aus "dem Milieu" wird beschuldigt, seinen Vater erstochen zu haben. Nun kommen die Geschworenen zusammen, um ihr Urteil zu fällen. Bei einem Schuldspruch droht dem Jungen der elektrische Stuhl. Die Vorsitzende (Annika Daniels) fordert die Geschworenen auf, ihr Votum abzugeben. Elf stimmen für schuldig. Nur der Geschworene Nummer 8, den Pawel Weinstein mit Sachlichkeit und Seriosität spielt, stimmt für unschuldig. Sein cholerischer Gegenspieler, großartig dargestellt von Fabian Dönni, bemerkt: "Klar, einer muss ja immer aus der Reihe tanzen."

Aber es gelingt dem Geschworenen Nummer 8 auch bei den Anderen Zweifel an der Schuld des Jungen zu wecken. Dabei offenbaren sich die Charaktere der Geschworenen: Da ist der Geschworene Nummer 5 (Timo Weyergraf), der selber "aus dem Milieu" stammt und sich den Vorurteilen, als er sie erkennt, nicht beugen will. Dann gibt es den Sportler (Cedric Oehmen-Klessa), dem das Urteil egal zu sein scheint, solange er sein Baseballspiel nicht verpasst. Und dann ist da noch der Rassist, ebenfalls sehr gut gespielt von Nico Hennig, dessen Vorurteile unverhohlen zu Tage treten, bis ihm die Anderen zu verstehen geben, dass sie seine Ansichten nicht tolerieren. Während die Geschworenen aneinander geraten und dabei immer mehr von sich preisgeben, wie etwa der Snob (Benedikt Brey), die Arbeiterin (Selina Beck), der Aufmerksame (Marvin Zander), die Höfliche (Lea Willemsen) und der Zurückhaltende (Tim van den Heuvel), bleibt der Methodiker (überzeugend: Sebastian Schleeger), sachlich und listet die Fakten auf. Da er eine gewisse Autorität in der Gruppe genießt, gibt es immer mehr, die für unschuldig stimmen.

Dass das Stück "Glauben Sie wirklich, er ist unschuldig?" bis zum Schluss spannend bleibt, liegt auch daran, dass es den Schülern gelingt, die Hintergründe und persönlichen Erfahrungen, aus denen heraus ein Mensch handelt und über andere urteilt, herauszuarbeiten. In der Tat ein Stück, das zum Nachdenken anregt und dazu auffordert, die eigene Meinung zu hinterfragen.

Quelle: RP
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