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Tönisvorst
Tradition pflegen und mit der Zeit gehen

Tönisvorst: Tradition pflegen und mit der Zeit gehen
FOTO: Hüskes Achim
Tönisvorst. Seit mehr als 450 Jahren gibt es die Bürger Junggesellen Schützenbruderschaft Vorst. Früher gab es blutige Rivalitäten mit den Junggesellen aus Kehn. Die sind inzwischen überwunden. Nachwuchssorgen haben die Junggesellen nicht. Von Stephanie Wickerath

Wenn kleine, geschmückte Bäumchen auf dem Marktplatz in der Ortsmitte liegen, dann ist es wieder passiert: Die Bürger Junggesellen Vorst haben die Grenze überschritten. Die Grenze, das ist die heute größtenteils unsichtbare Linie, auf der früher das Flüsschen Schleck verlief. "Dahinter ist feindliches Gebiet", erklärt Andreas Kern, Vorsitzender der Bürger Junggesellen Vorst. Die "Feinde", das sind die Kehner Junggesellen, die andere Bruderschaft im Ort. Und mit den Sebastianern sind es sogar drei Schützenbruderschaften, die in Vorst ansässig sind. Gemeinsam haben sie mehr als 300 Mitglieder, was beachtlich ist für einen so kleinen Stadtteil wie Vorst mit knapp 7000 Einwohnern.

Das mit der Feindschaft zwischen den beiden Junggesellenvereinen hat, wie alles bei den Schützen, Tradition. Zurück geht die Rivalität vermutlich auf eine Urkunde, die besagt, dass die Kehner, die lange gar nicht zu Vorst gehörten, den Vorzug in der Kirche, beim Opfern und bei der Fronleichnamsprozession haben. Und das kam so: Im Mittelalter stand jeder Zusammenschluss von Menschen unter der Obhut der Kirche. Aus diesem Grund verehrt auch jede Bruderschaft in Vorst einen Kirchenpatron, den sie zu ihrem Schutzpatron erwählt. So verehren die St. Sebastianer den heiligen Sebastianus, die Kehner den heiligen Godehard und die Bürger die Muttergottes.

Seit acht Jahren richten die Bürger Junggesellen auch die Acker-Olympics aus, bei denen es schwierige und Spaßige Aufgaben zu bewältigen gilt. FOTO: Hüskes Achim

Alle drei Bruderschaften ziehen seit jeher mit Waffen und Fahnen bei der Fronleichnamsprozession mit, um dem heiligen Gut, dem Geistlichen und den Gläubigen notfalls Schutz gewähren zu können und die Prozession vor Störungen zu bewahren. Dabei kam es in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder zu blutigen Streitigkeiten um die Ehre, die Prozession anführen zu dürfen. Erst durch ein Urteil des Erzbischöflichen Gerichts aus dem Jahre 1763 wurde geregelt, dass die Kehner Junggesellen die Prozession anführen dürfen.

Heute geht es freilich nicht mehr blutig zu zwischen den Junggesellen, aber in Liedern wird immer wieder gerne gegeneinander gestichelt, und wenn im Mai das große Schützenfest gefeiert wird, darf beim Dorfabend der ein oder andere Scherz auf Kosten der "Gegner" nicht fehlen. "Und wenn so ein Offiziersbaum auf feindlichem Gebiet steht, dann wird er eben abgesägt und auf den Marktplatz geworfen", erzählt Andreas Kern, der dabei selber schmunzeln muss.

Genau 452 Jahre ist sie alt, die Schützenbruderschaft der Junggesellen in Vorst. Auch die anderen beiden Bruderschaften blicken auf eine lange Geschichte zurück. Überfälle und Kriege kamen im Mittelalter für die Bevölkerung oft unerwartet, also beschloss man, eine Art Bürgerwehr zu gründen, um sich zu verteidigen. Die Männer übten sich in Waffenführung und Kriegskunst. Um der Bevölkerung den "Trainingsstand" zu zeigen, veranstalten die Schützen einmal im Jahr ein Fest. Dazu gehörte auch der Brauch des Vogelschießens. Der Schütze, dem es gelang, einen Vogel von einer hohen Stange zu schießen, wurde Schützenkönig.

Mit ihrem halben Jahrtausend sind die Bürger Junggesellen übrigens nicht der älteste Schützenverein im Ort. Die St. Sebastianus Schützenbruderschaft wurde bereits 1444 gegründet. Dieser Bruderschaft gehörten zu Anfang vermutlich alle Vorster Männer an. 1564 spalteten sich die Junggesellen von den Sebastianern ab.

Auch heute trainieren die Schützen regelmäßig auf dem Schießstand im "Haus Vorst". Im Liegen, im Knien und im Stehen müssen sie mit dem Luftgewehr ein zehn Meter entferntes Ziel treffen. Und auch das Vogelschießen gibt es noch. Aber in Vorst feiert nicht jede Bruderschaft jedes Jahr ein Fest. Vielmehr wechseln sich die drei Vereine mit der Ausrichtung ab. "Das ist auch gut so, denn die Organisation ist doch sehr zeitaufwendig", sagt Schriftführer Christian Stieger.

Jedes Jahr am ersten Maiwochenende ist es dann so weit. Auf der Gerkeswiese steht ein Zelt, in dem fünf Tage lang gefeiert wird. Zum Vereinsleben gehören neben den regelmäßigen Schießübungen und Schießwettkämpfen seit acht Jahren die Acker-Olympics, die die Bürger-Junggesellen im August ausrichten. Eine andere Tradition ist das Schweineblut. Schweine- und Wildfleisch wird an diesem Abend per Los verkauft. Außerdem sind die Bürger in der Nachwuchsarbeit aktiv: Für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren, meistens die Söhne der ehemaligen Junggesellen, gibt es eine Kindergruppe, die Jugendwart Moritz Hermann leitet.

Quelle: RP
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