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Tönisvorst
Vergessen ist keine Gnade

Tönisvorst. Mit dem Stück "Honig im Kopf" kam das Ensemble der Komödie am Altstadtmarkt aus Braunschweig auf Einladung des Stadtkulturbunds nach Tönisvorst. Im ausverkauften Corneliusforum gab es "standing ovations" für die Darsteller. Von Stephanie Wickerath

Alzheimer, so erklärt Niko Rosenbach seiner Tochter Tilda am Anfang, das müsse man sich vorstellen wie ein Bücherregal im Kopf: "Alles, was in den umgekippten Büchern steht, weiß Opa nicht mehr. Manche Bücher stellen sich wieder auf, andere bleiben für immer liegen." Dass am Ende des Stücks "Honig im Kopf" fast alle Bücher im Regal auf der Bühne umgekippt sind, ist die traurige Wahrheit über Alzheimer.

Bis dahin aber gibt es viel zu lachen in der Tragikomödie, die auf dem gleichnamigen Film von Til Schweiger und Hilly Martinek beruht und vom Theater "Komödie am Altstadtmarkt" aus Braunschweig in eine Bühnenfassung gebracht wurde. Dem Autor der Bühnenfassung, Florian Battermann, und dem Regisseur René Heinersdorff ist dabei ein Meisterstück gelungen. Sie haben es geschafft, das ganzes Panorama der Geschichte mit nur vier Schauspielern und einem sehr spartanischen Bühnenbild entstehen zu lassen.

Dass am Ende der fast zweistündigen Aufführung die mehr als 500 Besucher im ausverkauften Corneliusforum Tönisvorst klatschend aufstehen, um ihre Begeisterung zu zeigen, liegt aber auch an den Darstellern, die ihre Figuren authentisch verkörpern. Den meisten Applaus bekommt dabei die nur 1,56 Meter große, 30-jährige Anne Bedenbender, die Tilda spielt, die elf Jahre alte Enkelin von Amandus Rosenbach, den der gestandene Schauspieler Achim Wolff überzeugend verkörpert.

Anne Bedenbender erobert die Herzen der Zuschauer aber nicht nur, weil sie ihre Rolle mit Bravour spielt, es ist auch der Charakter, den sie verkörpert. Mit unendlich viel Liebe, Geduld, Respekt und Humor begegnet Tilda ihrem Großvater, dessen geistige Fähigkeiten aufgrund seiner Alzheimer-Erkrankung von Tag zu Tag weniger werden. Als Amandus zum Schluss sogar Tilda, seine "kleine Principessa" wegstößt, weil er sie nicht mehr erkennt, sind die Zuschauer zu Tränen gerührt.

Dabei war Tilda von Anfang an die einzige, die mit der Erkrankung umgehen konnte. Sohn Nico, gespielt von dem bekannten Darsteller Karsten Speck, will nicht wahrhaben, was mit seinem Vater geschieht. Schwiegertochter Sarah, gespielt von Astrid Kohrs, ist völlig überfordert mit dem verwirrten alten Mann, der ihre Schuhe in den Backofen steckt, die Gartenhecke bis auf ein Minimum kürzt und den Kühlschrank mit der Toilette verwechselt.

Es gehört zu den großen Leistungen des Stücks zu zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit einer solchen Erkrankung in ihrem Umfeld umgehen, wie hilflos und überfordert sie dabei oft sind und wie unendlich anstrengend es ist, sich mit jemandem zu unterhalten, der den Inhalt des Gesprächs sofort wieder vergisst. Dabei ist es kein Zufall, dass einzig ein Kind den richtigen Umgangston trifft und gleichzeitig mit aller kindlichen Naivität versucht, den Großvater zu heilen. Dass das nicht gelingt, gehört zur bitteren Realität des Lebens.

Was bleibt, ist ein Plädoyer für mehr Toleranz und Offenheit im Umgang mit den Krankheiten Demenz, Alzheimer, Parkinson und für Respekt gegenüber Menschen, die "Honig im Kopf" haben.

Quelle: RP
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