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Tönisvorst
Vorst zeigt Flagge gegen Fremdenhass

Tönisvorst: Vorst zeigt Flagge gegen Fremdenhass
Pfarrer Ludwig Kamm (mit Mikro) und die Kommunistin Christel Tomschak (88, links) sprachen zu den zahlreichen Demonstanten, die am Donnerstag um 20 Uhr auf den Vorster Marktplatz gekommen waren. FOTO: WOLFGANG KAISER
Tönisvorst. Rund 250 Teilnehmer folgten dem Aufruf beider Kirche zu einer ersten Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit auf dem Marktplatz. Pfarrer Ludwig Kamm und die Kommunistin Christel Tomschak sprachen zu den Menschen. Von Heribert Brinkmann

Beifall brandete auf, als Pfarrer Ludwig Kamm in seiner Ansprache ausrief, die Flüchtlinge, die heute nach Vorst kommen, seien erwünscht. Rund 250 Menschen waren der Einladung der beiden Pfarrer Ludwig Kamm (St. Godehard) und Bernd Pätzold (evangelische Kirchengemeinde Anrath-Vorst) zu einer Demonstration gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit gefolgt. Als die Glocken von St. Godehard am Donnerstag um 19.55 Uhr fünf Minuten lang läuteten, war der Marktplatz voller Menschen. In die Glockenklänge mischten sich afrikanische Trommelschläge der Gruppe Toubab ("Hallo Fremder") und Freunde. Selbst nach Erinnerung langgedienter Polizisten war es die erste Demonstration überhaupt, die Vorst erlebte. Sie schloss mit Klängen der Jagdhornbläser "Nette Füchse" der Kreisjägerschaft.

Vor zwei Wochen kamen neue Flüchtlinge nach Vorst in die Hans-Hümsch-Turnhalle. Kurz danach tauchten Schmierereien an Wänden der näheren Umgebung und Aufkleber bis in die anderen Turnhallen hinein auf. Die Stadt ließ die Parolen sofort übermalen. Pfarrer Ludwig Kamm und sein evangelischer Kollege Bernd Pätzold beschlossen spontan, etwas dagegen zu unternehmen und mit einer Demonstration die Solidarität der Vorster mit den Flüchtlingen zu zeigen. Vom Erfolg ihres Aufrufes war Pfarrer Kamm überwältigt (Pfarrer Pätzold hat inzwischen seinen Urlaub angetreten, ihn vertrat sein Anrather Kollege Christoph Kückes). Auch die Stadt war prominent vertreten. Beigeordnete Nicole Waßen und Fachbereichsleiter Wolfgang Schouten waren vor Ort. Alle Fraktionen im Rat waren vertreten, von der CDU kam Fraktionsvorsitzender Helmut Drüggen mit dem Rad, SPD-Ortsvorsitzender Helge Schwarz und der stellvertretende Bürgermeister Udo Leuchtenberg (SPD) waren ebenso dabei wie Marcus Thienenkamp (FDP), Kurt Wittmann (Grüne) oder Silvia Beltau (UWT). Auch Action Medeor war zahlreich vertreten, so mit Präsident Siegfried Thomaßen oder den Mitarbeiterinnen Shushan Tedla und Katharina Wilkin, ebenso der Karnevalsverein Rot-Weiß und Einzelhändler. Es war eine bunte Mischung von Jung bis Alt.

Das Vorbild des Vorster Kaplans Theodor Kniebeler, der wegen einer mutigen Predigt 1943 vor Gericht kam, hatte Pfarrer Kamm Mut gemacht, "in unserem Vorst" etwas gegen Fremdenfeindlichkeit zu unternehmen. In seiner Ansprache verwies er nicht nur auf das Evangelium oder die jüdische Geschichte der Vertreibung, sondern auch auf die Erlebnisse deutscher Flüchtlinge, die vor 70 Jahren zum Kriegsende aus dem Osten hierher flohen. Sie erlebten auch, nicht erwünscht zu sein. Daraus müsse man lernen. Alle, die nach Krieg oder Verfolgung in Vorst Zuflucht suchten, seien erwünscht. In einer existenziellen Notlage, verbunden mit Angst, müsse man diese Flüchtlinge herzlich willkommen. Und mit dieser Einstellung könnte man in Tönisvorst auch nicht mehr überhört werden. Wer gesehen habe, wie die Flüchtlinge in der Turnhalle untergebracht seien, könne auch nicht mehr von einem "Luxusleben" sprechen.

Im Anschluss sprach Christel Tomschak, eine erklärte Kommunistin und Tochter von Johann Bossinger, der von den Nazis ein Jahr ins Gefängnis gesteckt wurde. Sie war überwältigt, wieviele dem Ruf der Glocken gefolgt seien. Den Faschisten, die ihre Parolen auf die Mauern pinseln, müsse mit einem großen Bündnis für Toleranz und Demokratie Einhalt geboten werden. Die 88-jährige Kommunistin zitierte die Kapitalismuskritik aus der Lehrschrift "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus.

Quelle: RP
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