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Tönisvorst
Vorster Kindheit in den Nachkriegsjahren

Tönisvorst. Es war eine überaus lebendige Reise in die Vergangenheit, als die Kempenerin Gerdi Borgartz im Vorster Kulturcafé Papperlapapp ihr Buch "Ich war stets ein ernstes Kind" vorstellte. Gekommen waren vor allem Vertreter der Generation, die die darin beschriebene Zeit aus eigenem Erleben kennt. Da gingen mit manchen die sprichwörtlichen Pferde durch, so dass sich immer wieder spontane Diskussionen mit Tischnachbarn und über die Tische hinweg entfachten. Erinnerungen wurden ausgetauscht, abgeglichen und in Frage gestellt. Hieß das Geschäft wirklich Heinrichs oder Hendrix, wurde etwa gefragt. Viele nickten wissend, als es hieß, dass bei "Herrn Zimmerman" Zigaretten lose gekauft werden konnten und Kaffee auch in kleinsten Mengen abgewogen wurde. Autorin Borgartz ließ ihren Zuhörern immer wieder mit freundlichem Lächeln Zeit, die eigene Vergangenheit zurückzurufen. So stellte sie denn nach und nach die Kapitel über das alltägliche Leben der unmittelbar nach dem Krieg geborenen Kinder vor. Von Angela Wilms-Adrians

Den eigentlichen Impuls zum ersten Buch der Autorin hatte Enkelin Sophie, heute 22 Jahre alt, als Kind gegeben. Sie habe ihre Oma gefragt: "Wenn eure Generation wegstirbt - wen sollen wir dann fragen, wie es früher war?", erzählte Borgartz. Sie bekannte, am schwierigsten sei der Anfang gewesen und die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt man sich bewusst zurückerinnern könne. Ein prägendes Ereignis der Kindheit sei das Geschenk einer Apfelsine gewesen. "Ich habe herzhaft hineingebissen und nicht gewusst, dass ich sie erst hätte schälen müssen. Da musste ich etwa vier Jahre alt gewesen sein", überlegte die Autorin. Geboren wurde sie im August 1945 in der Nähe von Dresden. Doch mit etwa zehn Monaten kam sie ins Rheinland, wuchs in Vorst auf und lebt seit nunmehr über 50 Jahren in Kempen.

Beim Kapitel über das Einkaufen las Borgartz von Erinnerungen an eine Zeit, als es noch keinen Kühlschrank und keinen Gefrierschrank im Haushalt gab. Ab dem achten Lebensjahr sei sie gerne einkaufen gegangen. Abgepacktes und Selbstbedienung habe es noch nicht gegeben, das Angebot sei "überschaubar" gewesen, doch meistens gab es eine kleine Leckerei aus der Bonbondose gratis. Es sei damals nicht ungewöhnlich gewesen, dass sich ihre Eltern mit den Kindern erst einmal ein Schlafzimmer geteilt hätten, so Borgartz. Viele nickten bestätigend zu den Beschreibungen des alten "klobigen Röhrenempfängers" und vom Einzug des Fernsehens in die Wohnzimmer.

Wer Gerdi Borgartz mit feinem Lächeln und freundlicher Gelassenheit lesen und erzählen sah, wunderte sich vielleicht über den Buchtitel vom ernsten Kind. Auf dem Cover ist denn auch ein Mädchen mit ruhigen Gesichtszügen zu sehen. "Ich habe mich sehr verändert", sagt Borgartz dazu. Die Enkelin habe bei der Durchsicht alter Fotos gesagt: "Oma, du hast nie gelacht", die Lehrer von früher hätten sie als sehr zurückgezogen beschrieben.

Ehemann Heinz-Josef hat lange als einziger von der Entstehung des Buchs gewusst. Überrascht habe es ihn nicht, den Werdegang seiner Frau habe er größtenteils mitbekommen, sagt er. Allerdings reichen seine Erinnerungen noch weiter zurück, da er sechs Jahre älter ist und so auch den Krieg miterlebte.

Quelle: RP
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