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Schwalmtal
Allein unterwegs auf dem Jakobsweg

Schwalmtal: Allein unterwegs auf dem Jakobsweg
Die Jakobsmuschel ist das Erkennungszeichen der Pilger, die nach Santiago de Compostela laufen. Marlise Meer-Rohbeck hat in drei Jahren und drei Etappen 900 Kilometer zurückgelegt, um zum Grab des Heiligen Jakobus zu gelangen. FOTO: Knappe
Schwalmtal. Marlise Meer-Rohbeck ist in drei Etappen nach Santiago de Compostela gelaufen. Dabei lernte die Schwalmtalerin sich selbst neu kennen. Warum das Pilgern stark macht — und hilft, sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen Von Birgitta Ronge

Neuneinhalb Kilogramm schwer ist der Rucksack, den Marlise Meer-Rohbeck auf dem Weg nach Santiago de Compostela bei sich getragen hat. Schwerer als der Rucksack wogen die Fragen, die sie mit sich trug. "Ich war in einer Phase, in der ich wichtige Lebensfragen für mich beantworten wollte", erzählt die 57-Jährige. "Und wenn man zu Hause ist, geht das nicht. Ich wollte nicht auf andere hören, sondern für mich eine Lösung finden." Also machte sie sich auf, packte ihre Fragen ein sowie Wechselunterwäsche, Wollsocken, Sonnencreme, Schlafsack und Regencape, und lief los.

In drei Etappen hat die Schwalmtalerin den Jakobsweg bewältigt, insgesamt 900 Kilometer. Vor zwei Jahren absolvierte sie die erste Etappe des "Camino Francés", die vom französischen St-Jean-Pied-de-Port nach Santo Domingo de la Calzada führt. Im vergangenen Jahr ging sie die zweite Etappe, von Santo Domingo nach Astorga. In diesem Jahr legte sie die dritte Etappe zurück, die in Santiago de Compostela endet, am Grab des Heiligen Jakobus.

Am Jakobsweg liegt der galizische Ort Samos. Er entstand rund um das Kloster San Xulián de Samos. FOTO: Meer-Rohbeck

Seit dem 9. Jahrhundert ist die spanische Stadt Santiago de Compostela ein Wallfahrtsort. Viele Wege führen dorthin, der "Camino Francés" ist einer davon. Manche Pilger gehen mehrere hundert Kilometer, andere nur die letzten hundert bis Santiago - denn wer mindestens 100 Kilometer zu Fuß oder 200 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, erhält im Pilgerbüro in Santiago die ersehnte Urkunde, die "Compostela". Im vergangenen Jahr kamen 277.854 Pilger in Santiago an, 254.025 von ihnen zu Fuß. Die meisten sind traditionell Spanier: 2016 pilgerten 124.230 Spanier nach Santiago, gefolgt von Italienern (23.944) und Deutschen (21.220).

Auf die körperlichen Strapazen des Jakobswegs war Marlise Meer-Rohbeck nicht vorbereitet. Einmal die Woche geht die Mutter von drei erwachsenen Kindern zum Zumba, mit der evangelischen Kirchengemeinde pilgerte die promovierte Agrarwissenschaftlerin auch schon mal durch die Eifel - "Peanuts" gegen den Jakobsweg. Sie kaufte einen Reiseführer und erhielt von anderen Pilgern Tipps. Vieles lernte sie unterwegs. Nach der ersten Etappe beschloss sie, Spanisch zu lernen, um sich verständigen zu können. "Man denkt immer, dass die Leute überall Englisch sprechen, aber das ist nicht so", sagt die Schwalmtalerin. "In den spanischen Dörfern sprechen viele Einheimische kein Englisch." Um in einer Herberge nach einem Zimmer zu fragen oder an einem Bauernhof um Wasser zu bitten, wollte sie sich verständigen können.

Sie stellte fest, dass die Suche nach einer Herberge lange dauern kann. Die Übernachtung ist mit sieben bis zehn Euro günstig - doch wer im Mehrbettzimmer schlafen will, in dem Doppelbetten eng nebeneinander stehen, muss hartgesotten sein. Oder sehr, sehr müde. Mitunter waren die Herbergen am Wegesrand schon belegt, die Schwalmtalerin lief weiter, "und manchmal kam ich mir auf der Suche nach einer Herberge vor wie Maria, nur ohne Josef". Und ja, manchmal habe sie dann geweint.

Nie zuvor hatte sie auch nur allein Urlaub gemacht, stets waren der Ehemann und die Kinder (heute 25, 23 und 21 Jahre alt) dabei. Auf dem Jakobsweg war sie nun häufig allein unterwegs. Sie durchquerte Landschaften und Wälder, wanderte über die Hügel und durch die Dörfer, in denen überwiegend alte Menschen leben - die Jungen haben die kleinen Orte verlassen. "Wenn man alleine geht, ist man für sich", sagt Marlise Meer-Rohbeck. "Aber man hat niemanden, mit dem man seine Eindrücke teilen kann."

Traf sie andere Pilger, erzählten die auch von ihrer Motivation, den Weg zu gehen: Ältere, die eine Krankheit überwunden hatten, Jüngere, die keinen Job fanden. "Ich habe von vielen Schicksalsschlägen gehört", sagt die Schwalmtalerin. "Man kennt den anderen nicht, sieht ihn wahrscheinlich nie wieder. Dadurch sind die Leute sehr offen."

Sie selbst hat die Antworten, die sie gesucht hat, auf dem Jakobsweg gefunden. Und sie hat viel über sich selbst gelernt: "Ich habe Mut und unheimliche Disziplin", sagt sie. "Ich kann mich über viele Kleinigkeiten nicht mehr aufregen. Ich habe festgestellt, wie offen ich für andere bin. Und ich bin Gott unendlich dankbar dafür, dass ich so bin, wie ich bin."

Quelle: RP
 
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