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Brüggen
Als in Bracht noch die Webstühle klapperten

Brüggen: Als in Bracht noch die Webstühle klapperten
Der Brachter Handweber Lütters an seinem Webstuhl, im Hintergrund seine Ehefrau. FOTO: Privatarchiv Walter Feyen
Brüggen. Vor 140 Jahren gab es mehr als 400 Webstühle im Dorf. Dort wurden Samt- und Seidenstoffe produziert

Für viele ältere Brachter ist ganz klar, dass das Dorf - bevor die Dachziegelindustrie gegründet wurde - ein Weberdorf war, in dem in nahezu jedem Haus ein Webstuhl klapperte. Doch man muss die Frage stellen, wann es diese Hoch-Zeit der Handweberei gegeben haben soll - und welches Produkt die Weber herstellten: Leinwand, Baumwollstoffe, Samt oder Seide? Denn das ist für die Frage "Bracht - ein Weberdorf?" ganz entscheidend.

Auch wenn der evangelische Pfarrer Heinrich Simon van Alpen 1802 den Kanton Bracht als Flachsland bezeichnete, so sagte wenige Jahre später der Brachter Bürgermeister Baron von Voorst zu Voorst, dass Garn und Tuch in der Bürgermeisterei Bracht nicht in großer Menge hergestellt wurden. Die Ware sei auch nur mittelmäßig, da für den langen Rigalschen Flachs der Boden in Bracht nicht gut genug sei. Hat van Alpen also tatsächlich gar nicht das Dorf Bracht, sondern den gesamten Kanton im Blick gehabt?

Ein Notizzettel mit der Anzahl der "Seide und Sammetweb-stühle Bracht 1858", der auch Auskunft gibt, in welchen Orten die Verleger ansässig waren. FOTO: Ina Germes-Dohmen

Natürlich war in Bracht, wie überall in der Region, schon seit Jahrhunderten Flachs angebaut und zu Leinwand verwebt worden. In den Schadenslisten vom Ende des 15. Jahrhunderts kommen ein Webstuhl, Flachs und Leinwand vor. Auch sind zahlreiche Flachsgruben als Bodendenkmäler erhalten. Doch sagen diese Belege nicht, dass Bracht ein Schwerpunkt der Leinenweberei gewesen wäre. In der französischen Zeit gab es in Bracht nur acht Weber, 1819 waren es sieben Leinen- und zwei Bandweber und 14 Personen, die Weberei als Nebenerwerb betrieben. Ein Weberdorf? Fehlanzeige!

Mit dem Übergang an die Preußen stellten auch die Brachter Leinenweber auf Baumwolle um und begannen seit 1840 auch an Samtwebstühlen zu produzieren. Mit Samt und Seide vermehrte sich die Zahl der Weber rasant. 1858 gab es 94 Webermeister, wovon 73 Seide und Samt produzierten und nur noch 20 Baumwolle verarbeiteten. 48 Gehilfen waren bei den Samt- und Seidenwebern beschäftigt, nur einer bei einem Baumwollweber. Es gab sogar zwei weibliche Meister und vier Gehilfinnen.

Die Weber brachten ihre fertigen Gewebe in der Regel zu Fuß zu den Verlegern nach Krefeld, Lobberich oder Viersen und nahmen auf dem Rückweg das Material mit der neuen Webkette für die nächste Produktion mit. Dafür erhielten sie Stücklohn, dennoch fühlten sie sich als selbstständige Handwerksmeister.

Sie glaubten, die Mechanisierung würde an ihrem Beruf vorbeigehen, da die Herstellung der Stoffe kompliziert war. Deshalb nahm die Zahl der Samt- und Seidenweber immer weiter zu. 1880 gab es fünf Handwebstühle für Baumwolle, elf für Leinen, 36 für Seide und 360 für Samtwaren. Insgesamt wurde an 412 Webstühlen gearbeitet. Doch parallel entstanden in Krefeld, Mönchengladbach und Viersen die ersten mechanischen Spinnereien und Webereien, gegen deren Preise die Handweber keine Chance hatten.

Auch wenn der Absatz gut war, blieb der Verdienst der Weber zu niedrig. Da half ihnen auch die Errichtung einer Seidenweber- und Seidenwirkerinnung und die Gründung einer Krankenversicherung nicht. Und es half auch nicht, dass man die Zahl der Webstühle auf 464 aufstockte. Mitte der 1880er-Jahre stand die Hälfte der Brachter Webstühle still. Es lebten aber zwei Fünftel der 2704 Einwohner von der Weberei, das Dorf war inzwischen ganz einseitig auf die Hausweberei ausgerichtet. Die Weber betrieben zwar alle nebenbei eine kleine Landwirtschaft, doch als die Landwirtschaft plötzlich alleine die Familien versorgen musste, reichte es zum Unterhalt nicht mehr. Die Familien bedurften der Unterstützung der Gemeinde. Arbeitslose Weber wurden mit Notstandsarbeiten beschäftigt, ihre Kinder erhielten in der Schule eine warme Mahlzeit. Viele Weber wanderten aufgrund der Aussichtslosigkeit der Lage mit ihren Familien in die aufstrebenden Textilstädte ab, um dort in den mechanischen Webereien eine Arbeit zu finden. In Bracht betrug der Wanderungsverlust zwischen 1885 und 1889 über zehn Prozent der Einwohner - 308 Personen.

Als einmal der Damm gebrochen war, war die Mechanisierung nicht mehr aufzuhalten. Die Webstühle in den Stuben wurden abgebaut. Schon 1897 wurden nur noch 30 bis 40 Webstühle in Bracht betrieben. Im Haushaltsjahr 1909/1910 betrug die Zahl der Brachter Weber noch 15 Personen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren in Bracht keine hauptberuflichen Weber mehr zu verzeichnen. Haupterwerbsquelle war nun die seit 1896 bestehende Dachziegelindustrie.

Die Autorin Ina Germes-Dohmen ist promovierte Historikerin. Sie lebt in Kempen und ist Herausgeberin des Buches "Bracht. Geschichte einer niederrheinischen Gemeinde von der Frühzeit bis zur Gegenwart". Erhältlich ist der 750 Seiten starke Band für 25 Euro in den Rathäusern in Brüggen und Bracht sowie im Buchhandel: ISBN 978-3-944146-81-2.

Quelle: RP
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