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Schwalmtal
Alte Kent-School enteignen?

Schwalmtal. Der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und Zwangssterilisation fordert, den "Spuk" in Hostert zu unterbinden. Statt Paintball-Spielen soll dort der Opfer der NS-Zeit würdig gedacht werden. Der Appell ging auch an die Bundeskanzlerin und Bischof Mussinghoff. Von Constanze Kretzschmar

Die Forderungen gehen weit. Das gesamte Gelände der alten Kent-School müsse unter Denkmalschutz gestellt werden. Es umfasst mehr als 100 000 Quadratmeter. Man solle die Enteignung des Eigentümers in Betracht ziehen. Endlich müsse ein Konzept her, damit Hostert zum Ort der Erinnerung, des Gedenkens und der Information wird. Das schreibt der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation an den Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff. Er fordert Ähnliches gegenüber der Bundeskanzlerin Angela Merkel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Auf der Suche nach Geistern

"Hostert ist ein Ort, an dem geplant und in staatlichem Auftrag Menschen umgebracht und bestattet worden sind", sagt Dr. Friedrich Leidinger. Der Psychiater aus Viersen gehört dem Arbeitskreis an. Als solcher Ort habe das ehemalige Kloster eine landesweite Bedeutung. Davon ist die alte Kent-School weit entfernt. Als die Historiker, Ärzte und andere engagierte Bürger des Arbeitskreises die ehemalige Schule im April besichtigten, stießen sie auf verfallende Gebäude und die Spuren von Paintball-Spielen. Aus Internetforen erfuhren sie, dass Menschen in Hostert nach den Geistern Verstorbener suchen.

Leidinger findet das grauenhaft. Der stellvertretende Ärztliche Direktor in der Klinik des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Süchteln fordert nun seinen Arbeitgeber auf, sich um Hostert zu kümmern: Der LVR ist der Rechtsnachfolger des Provinzialverbands der Rheinprovinz. Dieser betrieb die Kinderfachabteilung in Hostert.

In dieser Fachabteilung wurden Kinder mit Behinderungen ermordet. Man entzog ihnen Essen, Trinken, Pflege, gab ihnen ein Medikament, an dem sie erstickten. Annähernd 100 Kinder wurden in Hostert auf diese Weise getötet.

In Deutschland haben die Nazis mehr als 300 000 Menschen mit Behinderungen ermordet. "Ihre Diskriminierung dauert bis heute an", sagt Leidinger. Er erinnert sich, wie er 1980 als junger Arzt einen Ausflug für eine Gruppe Kranker organisierte. Der Bus wartete vor der Tür, doch keiner stieg ein. "Die Leute sagten: ,Wir wissen, wo Sie uns hinbringen wollen'." Seine Patienten trauten ihrem Arzt zu, er werde sie deportieren, ermorden. "Das hat mich sehr beschäftigt. Ich habe begriffen, dass sich für diese Menschen nichts geändert hatte."

Nun hofft Leidinger, Hostert könne ein Gedenk- und Informationsort werden – so wie manche ehemalige Konzentrationslager. Es ist unklar, ob der Arbeitskreis Erfolg haben wird. Der Eigentümer der Kent-School, Elmar Janßen, wollte sich gegenüber der Rheinischen Post nicht zu dem Appell äußern. Der LVR und die angeschriebenen Landesministerien sagen, sie prüften den Appell noch.

Einige Schwalmtaler dagegen wundern sich. Bernd Gather, bei der Gemeinde zuständig für Planung, Verkehr und Umwelt, erklärt, weder Paintball-Spiele noch die Geisterjagd seien genehmigt. Als sie von den Vorkommnissen erfuhr, habe die Gemeinde die zuständigen Behörden eingeschaltet. "Unseres Wissens ist das schon eine Weile nicht mehr vorgekommen."

Außerdem gibt es eine Gedenkstätte: Der pensionierte Lehrer Peter Zöhren war 1962 daran beteiligt, den ehemaligen Anstaltsfriedhof als Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie in Hostert einzurichten. Gather und Zöhren würden es aber begrüßen, wenn nun ein Gedenkort entstünde, an dem man die historischen Räume sehen könnte, in denen die Kinder ermordet wurden. Leidinger lobt das Engagement der Schwalmtaler. Doch man dürfe die Gemeinde damit nicht alleine lassen. "Hier sind Land und Bund gefragt."

(RP/jco)
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