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Viersen
Anemüller ist seit 100 Tagen im Amt

Viersen. In ihren ersten gut drei Monaten als Bürgermeisterin hat Sabine Anemüller viele Gespräche geführt und erste Konzepte geschmiedet. Auch unerfreuliche Pflichten landeten schon auf ihrem Schreibtisch. Eine Zwischenbilanz. Von Sabine Janssen

Die erste Amtshandlung von Sabine Anemüller sorgte für mehr Durchblick: Sie ließ die Gardinen in ihrem Büro abnehmen. Auch ansonsten hat Viersens neue Bürgermeisterin in den vergangenen 100 Tagen vor allem Einblick und Durchblick gesucht. Unzählige Gespräche hat sie geführt und gute Gesprächspartner gefunden - in der Verwaltung, in der Politik, in den städtischen Gesellschaften und in der Bevölkerung. Die 52-Jährige versteht sich vor allem als Kommunikatorin. "Als Bürgermeisterin bearbeite ich kein eigenes Fachgebiet, insofern ist meine Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber ich bestimme die Richtung."

Es waren aufregende 100 Tage mit vielen Premieren, die jetzt hinter ihr liegen. "Vor der ersten Sitzung des Verwaltungsvorstands war ich nervös. Aber da hat sich schnell eine gewisse Routine entwickelt", sagt die Verwaltungschefin. Weihnachtsfeiern in Seniorenheimen und Kindergärten gehörten zu den schönen Terminen. Bei der Neujahrsansprache stand sie erstmals allein auf einer großen Bühne. Aber auch unangenehme Dinge polterten auf ihren Schreibtisch.

Zu den unschönen ersten Pflichten gehörte die Beschäftigung mit der klammen Finanzlage der Stadt. "2016 ist der Haushalt gesichert, aber danach wird es schwieriger. Der Haushaltsausgleich im Jahr 2022 ist nicht gefährdet, aber wir müssen uns schon mit weiteren Sparmaßnahmen und Synergien beschäftigen", so Anemüller.

Eine der großen Herausforderungen sieht sie in der Integration der Flüchtlinge. Das hat sie bereits in ihrer Neujahrsansprache gesagt. "Intern sprechen wir da vom ,Masterplan Integration', für den letztlich fast alle Fachbereiche gefragt sind." Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum habe derzeit oberste Priorität. Erste Bauprojekte wie im Rahser seien angestoßen. "Wenn wir jetzt neu bauen, werden dort im Erstbezug Flüchtlinge unterkommen, aber wir schaffen damit dauerhaft bezahlbaren Wohnraum. Letztlich geht es dabei um Viersen als Wohn- und Familienstadt", sagt Anemüller. Viele der jetzigen Baumaßnahmen würden zu großen Teilen über Förderprogramme finanziert, die einen Erstbezug von Flüchtlingen voraussetzen. Die Nutzung für Flüchtlinge sei aber nicht zeitlich begrenzt.

Die Kita-Landschaft werde sich durch den Flüchtlingszuzug verändern, prognostiziert die Bürgermeisterin. "Es ist absehbar, dass wir mehr Kindergarten-Plätze brauchen." Für die Schule gebe es nach erster Schätzung keinen Mehrbedarf. Dort werde die Stadt höchstens bei der Offenen Ganztagsschule (OGS) nacharbeiten müssen, um beispielsweise Sprachförderung zu etablieren.

Anemüller hat begonnen eines ihrer Wahlversprechen einzulösen: die Bürgernähe. Zwei Bürgerdialoge - in Süchteln und in Dülken - haben bereits stattgefunden. "In beiden Stadtteilen herrscht eine schwierige Gemengelage", sagt Anemüller. "Manchmal erwarten die Bürger sehr viel, und man muss erklären, was regelbar ist und was nicht."

In Süchteln will man neue Wege gehen. Gemeinsam mit einem Beratungsunternehmen, dass den Prozess begleitet, wolle man die weitere Stadtentwicklung planen und dabei auch die Bürger einbinden.

Die Schließung des Irmgardisstifts sieht die Bürgermeisterin kritisch. "Wir brauchen ein Seniorenheim in Süchteln." In nicht-öffentlicher Sitzung müssten Caritas-Geschäftsführer Babinetz und weitere Sachverständige die Angelegenheit darlegen. "Die Kommunikation dazu war kläglich", kommentiert Anemüller.

In Dülken sei man auf einem guten Weg. Wenn das Allgemeine Krankenhaus Viersen (AKH) in diesen Tagen das Gebäude verlasse, sollen dort bis Ende des Jahres rund 200 Flüchtlinge untergebracht werden. "Die Unterbringung ist zeitlich befristet. Der langfristige Plan ist weiterhin, dort Infrastruktur und Wohnungen für Senioren zu schaffen", so Anemüller.

Der Arbeitstag der neuen Bürgermeisterin kennt keinen frühen Feierabend. "Meist bin ich bis 18 Uhr im Büro, danach beginnen die repräsentativen Aufgaben." Jetzt gerade stehen die Karnevalssitzungen an. "Das ist ein wichtiger Teil des Brauchtums. Dem möchte ich auch den Rücken stärken. Über die vielen großen und kleinen Vereine zeigt sich die lokale Identität. Das ist ein starkes Pfund in unserer Stadt."

Hinter Arbeit und Amt muss das Privatleben nun zurückstehen. "Ich werde immer als Funktionsträgerin angesehen, auch wenn ich abends mit meinem Mann esse gehe. Man erwartet ein angemessenes Verhalten von mir, und das ist in Ordnung. Ich wusste, was auf mich zukommt", sagt sie lächelnd. Die politische Schonfrist ist nach 100 Tagen abgelaufen. Auch das weiß sie.

Quelle: RP
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