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Viersen
Auf 113 Brachter kam ein Wirt

Viersen. Die Brachter waren ein trink- und feierfreudiges Völkchen. Die ersten Aufzeichnungen über Gaststätten und Restaurants stammen aus dem 18. Jahrhundert. Ein Erinnern an die traditionsreichen Kneipen der Vergangenheit Von Ina Germes-Dohmen

Wie überall waren auch in Bracht die Gast- und Schankwirtschaften wichtige Orte für das gesellschaftliche und gesellige Leben des Dorfes. Die ersten Zahlen über Wirte im Dorf liegen für die Franzosenzeit vor, 1799 gab es zehn Schankwirte und sechs Fuselhändler in der Bürgermeisterei. Bier und auch ein Kornschnaps, den man "Schnick" nannte, waren bei den Brachtern sehr beliebt, in Hungerzeiten musste man einige sogar mit rigiden Strafen davon abhalten, aus den raren Lebensmitteln Korn und Kartoffeln Schnaps zu brennen. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Brachter folgendermaßen: "Abends versammeln sie sich in den Wirtshäusern und verbringen dort alle Zeit, die nicht von der Arbeit beansprucht wird."

Die Anzahl der Wirtschaften blieb zunächst konstant. Doch schon 1879 gab es 27 Wirte, die allerdings oft ihre Wirtschaft in einem zum Schankraum umgewandelten Wohnzimmer als Nebenberuf betrieben. Beliefert wurden die Wirtschaften durch Branntweinbrennereien wie die schon 1826 belegte Brennerei von Bongartz, die mit Kartoffeln oder Roggen brannte, und örtliche Bierbrauereien wie die von Heimes in Boerholz. Als Destillerie und Weinhandlung bekannt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Geschäft von Johannes Houbertz auf der Kaldenkirchener Straße.

Um 1910 war Bracht mit 29 Gast- und Schankwirtschaften gesegnet. Davon lagen allein 14 im Dorf: Das waren zehn Schankwirtschaften (Wilhelm Optenplatz, Peter Tousen, Wilhelm Thoer, Johann Houbertz, Engelbert Peuthen, Karl Küppers, August Lehnen, Gerhard Bors, Matthias Wynands und Wilhelm Gerhards) und vier Gastwirtschaften (Johann Linssen, Heinrich Hommen, Joseph König und Peter Hauser). Diese Wirtschaften sowie weitere in Boerholz, Alst, Heidhausen und Hülst existierten alle auch noch nach dem Ersten Weltkrieg, 1935 war die Zahl sogar auf 32 gestiegen.

Zu verdursten brauchte man also nicht in Bracht. Sechs der Wirtschaften besaßen einen Saal oder ein "Gesellschaftszimmer", wo die feierfreudigen Brachter ihre in der ganzen Umgebung bekannten Feste wie die Bälle zu Kirmes begehen konnten. Beliebte Säle waren beispielsweise der Saal von Houbertz an der Kaldenkirchener Straße, der der Witwe Peters an der Königstraße, der 1903 von Johann Linssen übernommen wurde, und der Gesellschaftsraum von Müllers.

Eine lange Tradition haben auch die heutigen Ratsstuben und der Bürgersaal von Hamers: Wirtschaft und Saal (damals noch im gleichen Haus) gehörten Anfang des 19. Jahrhunderts Heinrich Zoers.

Heinrich Maubach baute 1909 an seine Schankwirtschaft in Boerholz einen Saal an. Die Familie Optenplatz betrieb mehrere Generationen lang eine Wirtschaft mit Saal in Alst. Johann Jacobs hatte eine Wirtschaft mit Saal in Heidhausen. Eine neue Form der »Erlebnisgastronomie« bot seit 1900 Alex Winkens in seiner "Restauration zur Bahn" an der Stiegstraße an, der Kapellen von auswärts engagierte, Preis-Billard und Gratisverlosungen veranstaltete und einmal sogar damit warb, dass in seinem Lokal der "Negerkellner" Henri Buschanau aus Samoa kellnern würde. Im gesamten 19. Jahrhundert gehörten die Gastwirtschaft und das Hotel am Markt gegenüber dem Rathaus der Familie Thoer und waren bekannt als Gasthof für die gebildeten Stände. 1904 ging es in den Besitz von Josef König über. Es behielt seinen Ruf als erstes Haus am Platze und als "Bier- und Weinrestaurant" bis weit in die Nachkriegszeit.

Bracht war also außerordentlich gut mit Wirtschaften versorgt. 1914 gab das Bürgermeisteramt an, dass bei 2705 Einwohnern auf 113 Brachter ein Schankwirt und auf 541 Brachter ein Gastwirt komme. Wenn es bei diesem Verhältnis geblieben wäre, müsste es heute mehr als 60 Kneipen und mindestens zwölf Restaurants in der Gemeinde geben.

Quelle: RP
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