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Viersen
Auf der anderen Seite der Mauer

Viersen: Auf der anderen Seite der Mauer
Innenhof ohne Aussicht: Unser Foto entstand im Hofbereich des Maßregelvollzugs der LVR-Klinik in Süchteln, zeigt den Blick, den die Patienten haben, wenn sie an die frische Luft gehen. Der Hof ist von einer 5,50 Meter hohen Betonmauer umgeben und wird videoüberwacht. Inklusive Bautätigkeit und Betreuung kostet ein Patient rund 114.000 Euro pro Jahr. FOTO: Jörg Knappe
Viersen. 177 Männer leben im Maßregelvollzug der LVR-Klinik in Süchteln. Sie haben Menschen schwer verletzt, beraubt, getötet oder vergewaltigt — doch schuldfähig sind sie nicht. Ein Besuch in der geschlossenen Welt der forensischen Psychiatrie

Kahle Wände, eine schwere Tür mit einer Sichtluke, ein zweiter Notzugang, Kameras an den Wänden, eine Toilette und ein Bett, auf dem Fixierbänder und ein Hemd bereit liegen. Dieses Einzelzimmer lädt nicht zum Bleiben ein. "Das ist unser Krisenraum. Wir brauchen es für Patienten, die akut fremd- oder eigengefährdet sind", erklärt Heike Guckelsberger, Chefärztin der Forensischen Psychiatrie I der LVR-Klinik Süchteln. "Nur wenige Patienten werden fixiert. Das ist meist nicht nötig", sagt die Psychiaterin. Jeden Tag werde überprüft, ob die Isolierung noch nötig sei.

Der grün bezogene Schaumstoffblock dient als Tisch - und als Aschenbecher. Unzählige Zigaretten haben die Bewohner des Zimmers darauf ausgedrückt. Das bezeugen die Brandlöcher. Nur ein Feuerzeug bekommen die Patienten nicht an die Hand. Zu gefährlich! Rauchen aber dürfen die Patienten der forensischen Psychiatrie in Süchteln. "Es trägt zur Entspannung bei", sagt Chefärztin Guckelsberger. Auch das Fernsehen ist hinter den verschlossenen Türen erlaubt.

Andere alltägliche Dinge dagegen sind verboten: Handys und Tablets zum Beispiel. Der telefonische und virtuelle Kontakt zur Außenwelt ist tabu. Zur Sicherheit der LVR-Mitarbeiter, der Menschen jenseits der Mauer, aber auch der Patienten. Es soll eine Reizüberflutung verhindern.

Wer sich im Maßregelvollzug befindet, hat eine Straftat begangen, aber er wird auf Grund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig erachtet. Bei einem Täter mit einer "krankhaften seelischen Störung" erfolgt der Freiheitsentzug nicht als Strafe, sondern zum Schutz der Allgemeinheit.

"Wir sind kein Gefängnis. Wir haben hier keine Häftlinge, sondern Patienten. Unser Ziel ist es, ihnen ein straffreies Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen", sagt Klaus Lüder, Fachbereichsleiter für den Maßregelvollzug beim Landschaftsverband Rheinland (LVR).

Acht Standorte hat der LVR - darunter die Kliniken in Bedburg-Hau, Düren, Langenfeld und Viersen. Gut 1500 Patienten betreut der LVR insgesamt. 177 Patienten leben in Süchteln. Rund 220 Pfleger, Sicherheitskräfte und Therapeuten arbeiten in der Forensik. Über ihren Verbleib in der "Geschlossenen" entscheidet einmal im Jahr das Gericht, nicht die Klinik.

Für kleinere Kavaliersdelikte landet man nicht hinter den verschlossenen Türen von Süchteln: 45 Bewohner der Forensik standen wegen Körperverletzung vor Gericht, 40 wegen Sexualdelikten und 32 wegen Tötungsdelikten. 14 weitere wegen Brandstiftung, 18 wegen Raub und Erpressung. Anlass-Straftat oder Unterbringungsdelikt heißt das in der Statistik.

Mehr als die Hälfte der 177 Patienten in Süchteln leiden an Schizophrenie oder einer wahnhaften Störung, etwa 50 Patienten haben eine Persönlichkeitsstörung, und bei 13 der Männer ist eine Intelligenzminderung diagnostiziert.

Neun bis zehn Jahre verbringen die Patienten im Durchschnitt in Süchteln. Für sie gilt der Paragraf 63 des Strafgesetzbuchs (StGB), die psychiatrische Erkrankung im Unterschied zur Sucht-Erkrankung. "Suchtkranke haben deutlich kürzere, befristete Klinikaufenthalte. Sie werden nach Paragraf 64 StGB untergebracht", erklärt Lüder. "Allein wegen der Verweildauer wäre ein Straftäter vor Gericht schlecht beraten, eine psychiatrische Erkrankung vorzutäuschen", sagt Fachbereichsleiter Lüder.

Nach dem Fall Mollath - Gustl Mollath saß offenbar zu Unrecht sieben Jahre in der forenischen Psychiatrie in Bayern - wird immer wieder die Abschaffung der Paragrafen 63/64 gefordert. Lüder sieht das anders: "Unsere Patienten haben ein Unterstützungsbedürfnis. Wir können ihnen eine Chance geben. In Belgien zum Beispiel gibt es keinen Maßregelvollzug. Dort landen solche Patienten in der Justizvollzugsanstalt. Das ändert aber nichts an ihrer Gefährlichkeit."

Auf den insgesamt elf Stationen der Süchtelner Forensik versuchen Ärzte, Therapeuten, Pädagogen, Pfleger und Sicherheitskräfte, den Patienten an ein selbstständiges Leben außerhalb der Mauern heranzuführen. Ein geregelter Alltag, gemeinsame Mahlzeiten, aber auch therapeutische Angebote und Freizeitaktivitäten gehören dazu.

Wie im Leben auf der anderen Seite der Mauer gibt es in der Forensik auch eine Schule. Anders als draußen ist sie freiwillig. "Wir haben keine Klassenarbeiten, die Lerninhalte stimmen wir mit unseren Schülern ab. Meist arbeiten wir in Einzelstunden. Die normale Unterrichtsstunde von 45-Minuten ist für viele zu lang", erzählt Lehrerin May-Britt Böttcher. Viele müssten das Lernen erst lernen. Die Zahl der Analphabeten sei relativ hoch. Deshalb stehe oft Lesen, Schreiben und Rechnen auf dem Stundenplan. Aber auch Erdkunde, Physik und Musik unterrichten Böttcher und ihre Kollegin auf Wunsch.

Noten gibt es ebenfalls nicht. Eine gute Mitarbeit wirkt sich aber positiv auf die Prognose des Patienten aus. Die gute Prognose wiederum brauchen die Patienten, um sich Schritt für Schritt den Weg ins Leben zu bahnen.

Wer in der Werkstatt von Ergotherapeut Roland Dahmen arbeitet, hat sich bereits bewährt, denn gerade die Werkzeuge der Schreinerei könnten in den falschen Händen zu Waffen werden. Gut 25 Patienten arbeiten vormittags und nachmittags in der Werkstatt an Verpackungen, in der Buchbinderei oder in der Schreinerei. "Wir geben ihnen eine Tagesstruktur. Ich hatte noch nie Angst, neben einem Patienten zu stehen. Ich vertraue auch darauf, dass die Kollegen mir keine Leute schicken, die gefährlich sind", sagt Dahmen.

Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Wer die Werkstatt verlässt, muss durch einen Metalldetektor laufen. Die Therapeuten protokollieren die Aus- und Rückgabe der Werkzeuge akribisch. Wenn am Ende der Arbeitszeit der Werkzeugkasten nicht vollständig bestückt ist, verlässt keiner den Raum. "Ein Spaßvogel, der zum Beispiel ein Gerät versteckt, kann alle Patienten das Mittagessen kosten. Wird das Werkzeug nicht gefunden, kommt unsere Alarmgruppe zum Einsatz", sagt Dahmen.

Die Sicherheitsvorkehrungen in der Forensik beschränken sich nicht auf Mauern, Gitter und Metalldetektoren. Sie nehmen selbst beim Pflegepersonal etwa ein Drittel der Arbeitszeit ein. Der Türschlüssel wird da zum wichtigen Arbeitsinstrument ebenso wie das Personensicherungsgerät, das jeder Mitarbeiter mit sich trägt. Auch Lehrerin May-Britt Böttcher trägt so ein Gerät am Hosenbund. Im Ernstfall würde sie ein rotes Knöpfchen drücken, das lautlos Alarm auslöst. Innerhalb von Minuten stürmen dann die Kollegen der Alarmgruppe aus den verschiedenen Station heran.

Für die Behandlung brauchen wir Freizügigkeit. Aber es muss klar sein, dass sich ein Übergriff nicht lohnt", sagt Lüder. Bis ins kleinste Detail sind die Gebäude und die Arbeitsabläufe durchdacht. Der Innenhof ist videoüberwacht; er hat keinen toten Winkel. Die Patienten haben die Zimmer zum Innenhof hinaus, die Mitarbeiter nach außen. "Das bietet beiden Schutz. Die Patienten können den Mitarbeitern nicht in die Zimmer starren, und Spaziergänger außerhalb der Einrichtung können die Patienten nicht beobachten", sagt Lüder.

Mehrere Patienten gehen im Innenhof spazieren, den eine 5,50 Meter hohe Mauer säumt. "Der letzte Ausbruch in Süchteln war 2015", sagt David Strahl, Chefarzt der Forensik II. "Da hat ein Patient, der schon auf einer recht freizügigen Station wohnte, einen beschädigten Zaun aufgebogen und ist geflohen", erzählt Strahl. Was dennoch mehrfach im Jahr für Schlagzeilen sorgt, sind die so genannten Entweichungen. Das sind Patienten, die nach einem Freigang nicht zurückkehren. Nach einer Verspätung von fünf Minuten löst die Klinik Alarm aus. In den Jahren 2013 bis 2016 entwichen jeweils fünf bis sechs Patienten. In diesem Jahr waren es bislang vier - drei von ihnen kamen binnen 24 Stunden von selbst, ein Patient wurde nach vier Tagen von der Polizei aufgegriffen.

Auf der hochgesicherten Therapie-Station 27.2. sitzen die Männer auf der Terrasse und rauchen. 23 Männer leben dort. Um 20.30 Uhr ist Einschluss. Dann muss jeder Patient auf sein Zimmer. "Dann ist nur ein Mitarbeiter auf der Station", sagt Markus Goebels. Ohne zweiten Mitarbeiter darf er die Türen nachts nicht öffnen.

Um 6.15 Uhr werden die Zimmer wieder aufgeschlossen. Um 8.30 Uhr ist gemeinsames Frühstück im Aufenthaltsraum. Das gemeinsame Essen - für manche Patienten eine neue Erfahrung. Brotmesser werden aber nur kontrolliert ausgegeben, sagt Goebels. Sie sind eine potenzielle Waffe. Jeder Bewohner putzt sein Zimmer selbst. Auch das gehört zum Alltag. Dreimal in der Woche gehen die Therapeuten mit den "gelockerten" Patienten in die Stadt, das heißt nach Süchteln. Besuch können die Männer jeden Tag empfangen. Briefe und DVDs werden kontrolliert. Mitgebrachte Lebensmittel müssen original verpackt und eingeschweißt sein. Der selbst gebackene Kuchen ist verboten. Er könnte ein Werkzeug oder eine Waffen enthalten. Der Scherz mit der eingebackenen Feile ist für die Forensik-Mitarbeiter keiner. Sabine Janssen

Quelle: RP
 
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