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Kreis Viersen/Grevenbroich
Auf der Spur der niederrheinischen Seele

Der niederrheinischen Seele auf der Spur
Kreis Viersen/Grevenbroich. Die niederrheinische Heimat mit allen Sinnen entdecken: Dazu lädt das Museum Villa Erckens, direkt an der Erft in Grevenbroich, ein Von Daniela Buschkamp

Mal ist das A und O entscheidend. Im Grevenbroicher "Museum der niederrheinischen Seele" ist es dagegen das I und das O. In der ersten Etage stehen die beiden Leuchtbuchstaben fast lebensgroß, dort sind sie kaum zu übersehen. In Worten wie "Grevenbroich" oder "Korschenbroich" können sie dagegen zur Stolperfalle werden - zur Stolperfalle, die jeden Nicht-Niederrheiner sofort entlarvt. Wie "Grevenbroich" richtig auszusprechen ist, erläutert Thomas Wolff, Mitarbeiter des städtischen Fachbereichs Kultur, im Raum "Redensarten" der früheren Industriellenvilla. "Das I in Grevenbroich ist ein Dehnungs-I, verlängert also das davor stehende O", so Wolff. Also nicht "Grevenbreusch" oder "Grevenbro-ich", sondern "Grevenbrooch".

Dies ist nur eine der zahlreichen Informationen rund um die niederrheinische Seele, die Besucher hinter den dicken, gelben Mauern entdecken können. Dabei geht es, so das Konzept von Museumsgestalter Dr. Ulrich Hermanns, längst nicht nur um das emotionsfreie Vermitteln von kahlen Fakten. Hermanns wollte das Museum als Heimatmuseum mit innovativem Ansatz verstanden wissen. Der Besucher soll ja einer Seele nachspüren, einer Lebens- und Wesensart, die eng verbunden sind mit dem Kultur- und Landschaftsraum, mit der Heimat eben. Zur Seele des Niederrheiners gehören so unterschiedliche Facetten wie sprechen, feiern, essen, arbeiten, einen Glauben ausüben. Sie alle finden sich in der Dauerausstellung. Für deren Entdeckung kann der Besucher all' seine Sinne einsetzen: hören, sehen, tasten, spielen..... und staunen.

Fragen beantworten: Im violett tapezierten Raum "Glaubensfragen" werden Weltreligionen mit ihren Charakteristika aneinander gegenübergestellt. FOTO: A. Endermann

In leuchtenden Farben sind die Wände der sieben Themenräume gestaltet: "Landschaftsbilder" werden vor tiefem Rot präsentiert. Zentrale Frage: Welche Spuren hat der Braunkohletagebau hinterlassen? Längst geht es nicht nur um die Förderung des "schwarzen Goldes", sondern auch um die Folgen. Denn mit dem Braunkohletagebau Garzweiler waren Umsiedlungen von Elfgen, Belmen, Otzenrath, Garzweiler und Holz verbunden - und damit der Verlust der Heimat. Dort leuchtet noch in mattem Gelb das Schild der "Holzer Grillstube" - Holz selbst ist Geschichte.

Der Historie ein Gesicht zu geben -das gelingt auch mit dem Film "1 ha (Hektar) 43 a (Ar)". Darin beschreibt die Düsseldorfer Filmemacherin Monika Pirch, wie sie ihr Erbe eines Feldes zwischen Wickrath und Wanlo antrat. Für Thomas Wolff "ein gelungenes Beispiel eines Heimatfilms": "Pirch zeigt, wie sie ihr Land in Besitz nimmt". Ein Windrad aufstellen, Kartoffeln setzen und ernten, ein Zeltplatz - das waren nur einige ihrer Überlegungen. Per Knopfdruck können die Besucher Pirch auf dieser Entdeckung folgen, ihre Füße stehen auf einem bedruckten Teppich. Der Kartenausschnitt darauf zeigt den Acker, den die Düsseldorferin geerbt hat.

Am Rad drehen: Das ist bei der Münzpresse im Keller möglich FOTO: A. Tinter

Im nüchternen Weiß können die Besucher direkt daneben den "Energiefeldern" nachspüren. Energieproduktion und -verbrauch werden anhand unterschiedlicher Exponate - vom Brikett bis zum technischen Schaubild - gezeigt. "Von Aluminium, Zuckerrüben und Windkraft wird der Bogen vom Energiesektor über energieintensive Aluminiumverhüttung bis hin zur agrarindustriellen Zuckerraffinerie in der heimischen Wirtschaft gespannt", erläutert Wolff. Gegenüber hängen Fotos von 23 Kindern, Frauen und Männern aus Grevenbroich. An der gepolsterten Hörstation kann man mehr über ihre "Energiequellen" erfahren.

Auf der anderen Seite der "Landschaftsbilder" sind vor orangefarbenen Wänden die "Kostproben" aufgereiht. Riemchentorte, Sauerbraten und Altbier sind serviert. Man schnuppert, riecht nichts - und muss bedauernd feststellen, dass lediglich täuschend echte Abbilder der niederrheinischen Gerichte präsentiert werden. Als Beilage dazu werden historische Fotos von Familienfesten gereicht.

Idylle im Park erleben: Die Villa des Textilbarons Oskar Erckens beherbergt seit dem Jahr 2012 das "Museum der niederrheinischen Seele". FOTO: L. berns

Ungewöhnliche Einblicke verspricht der Themenraum "Glaubensfragen". Bei seiner Einrichtung nicht unumstritten, werden hier Weltreligionen verglichen. Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind erkennbar. Hingucker: die Querschnitte von Gotteshäusern. So sind Kirchen, Synagogen oder Moscheen selten zu sehen.

"Festspiele" bieten den Besuchern einen Film vom Grevenbroicher Schützenfest, im Raum "Redensarten" sind sie eingeladen, Literatur, Kultur und Dialekt zu entdecken. Hier ist der Kabarettist und Liedermacher Hanns Dieter Hüsch anzutreffen, ein ausgezeichneter Niederrhein-Kenner. Für ihn die Mentalitätsfrage zwischen Rheinländer und Niederrheiner: "Antwortet der Rheinländer, stets optimistisch, auf die Frage des ,Wie geht's?' mit einem lebensfrohen ,Gut!', so stellt der melancholisch inspirierte Niederrheiner die Gegenfrage: ,Wie sollet sein?'" Denn, wie Hüsch feststellt, "sind die Menschen am Niederrhein ihre eigenen Philosophen". Im letzten der sieben Räume kann jeder spielerisch seiner "niederrheinischen Seele" nachspüren: Quizfragen helfen dabei. Nicht zu vergessen: der Keller. Dort wartet ein historisches Original: Die Kniehebel-Presse, die der Grevenbroicher Diedrich Uhlhorn 1817 entwickelte. Damit revolutionierte er die Münzprägung.

Kaum ein anderer Ort würde sich für ein solches Museum besser eignen als ein repräsentatives, historisches Wohnhaus: Aus den Fenstern blickt man auf den Stadtpark, hört die Erft plätschern, die Vögel zwitschern, die Blätter rascheln. Ein Blick, den der Bauherr Oskar Erckens vor rund 135 Jahren ebenfalls geschätzt haben mag. 1887/88 ließ der Textilunternehmer die Villa im Stil der französischen Neorenaissance für sich und seine Familie errichten. Erckens gehörte damals in Grevenbroich zu den zentralen Figuren des öffentlichen Lebens, war als Besitzer einer Weberei und Spinnerei einer der wichtigsten Arbeitgeber. Erst im frühen 20. Jahrhundert sollte die Textilindustrie in Grevenbroich und am Niederrhein ihre beherrschende Stellung verlieren. Opulenter Stuck, Deckenmalereien, bunte Bodenfliesen, Kronleuchter: Nach der mehrjährigen Sanierung strahlt das Haus die Pracht einer niederrheinischen Millionärsvilla aus und bietet den schmucken Rahmen für eine Seelen-Schau. Selten, dass Gebäude und Inhalt derart perfekt harmonieren.

Wer die gelbe Museumsvilla nach einem Rundgang, vorbei am "O" und "I", verlässt, ist der niederrheinischen Seele näher. Zumindest, wenn er mit dem Herzen dabei war.

Quelle: RP
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