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Kreis Viersen
Ausstellung über Frauen in der Industrie

Kreis Viersen: Ausstellung über Frauen in der Industrie
1953: Frauen füllen Feuerzeugbenzin ab und verpacken es. Sie waren oft am Ende der Produktionskette tätig. FOTO: Evonik
Kreis Viersen. Mit einer Ausstellung will der Chemiekonzern Evonik auf die Integration von Frauen in das Unternehmen hinweisen. Bis zum 21. Januar lässt sich am Bäkerpfad Einblick in die Geschichte nehmen. Heute liegt der Frauenanteil bei 24 Prozent. Von Henning Rasche

Veronika Giesen formuliert ihren Berufswunsch mit ihren 16 Jahren schon recht klar. "Physiotherapeutin will ich werden", sagt sie. Die Schülerin der Freiherr-vom-Stein-Realschule ist an diesem Morgen mit ihrem Geschichtskursus in die Kantine des Evonik-Standorts am Bäkerpfad in Krefeld gekommen. Und obwohl es in der Ausstellung nicht um Physiotherapie geht, sieht sich Veronika Giesen alles sehr genau an. "Das ist doch spannend", sagt sie. "Ich hätte mich auch elend gefühlt, wenn die Männer über mich bestimmt hätten."

Dass Frauen sich auch beim Essener Chemiekonzern über Jahrzehnte hindurch Arbeitsplätze und Ansehen erkämpfen mussten, zeigt die Ausstellung "Versiert. Frauen machen Geschichte bei Evonik". Das Unternehmen will die Historie aufarbeiten und informiert auf Tafeln, mit Relikten und aufgezeichneten Vorträgen über die Zeit von 1906 bis heute. "Wesentlich ist, dass wir die Historie betrachten und daraus ableiten, was wir in der Gegenwart tun müssen", sagte Bernd Diener, Standortleiter in Krefeld, zur Ausstellungseröffnung. Nach dem Start in der Zentrale in Essen zieht die Schau durch etliche Standorte des Chemiekonzerns und ist nun zuerst in Krefeld.

Am 6. Juni 1906 war Else Aldendorf die erste Frau, die in einem der Vorgängerunternehmen angestellt wurde - als Sekretärin. Sie war damit eine Sensation, weil sich Frauen in der damaligen Vorstellung vornehmlich um den Haushalt zu kümmern hatten. Doch der weltpolitischen Lage entsprechend, wandelte sich die Sicht der Industrie auf die Berufstätigkeit der Frau mit den Zwängen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren im August 1914 Millionen Männer zur Armee eingezogen worden. Sie fehlten daher in der Produktion, weshalb die Firmen damit begannen, auf Frauen zurückzugreifen. Sowohl bei der Frankfurter Degussa, als auch der Essener Th. Goldschmidt - Vorgängern der Evonik - stieg der Frauenanteil ab 1914 deutlich. Ähnlich war es im Zweiten Weltkrieg unter den Nazis, die an ihrer Ideologie, dass Frauen hinter den Herd ins Haus gehörten, nicht festhalten konnten. Die Männer brauchten sie für den Krieg, die Frauen mussten in die Produktion einsteigen. Allerdings konnten sich die Frauen damals noch nicht organisieren und etwa gewerkschaftlich für ihre Rechte eintreten, so dass sie deutlich schlechter bezahlt wurden als ihre männlichen Kollegen.

Sie besetzten aufgrund ihrer oftmals geringeren Qualifikation eher untere Posten und stiegen oft nach der Heirat aus. Ehe und Familie ließen sich nicht vereinen; Frauen mussten sich zwischen Familie und Beruf entscheiden. Das eine schloss das andere aus. Insbesondere zu Kriegszeiten. Erst in der Nachkriegszeit begann ganz allmählich die mühsame Emanzipation der Frau - auch bei den Chemiekonzernen. Frauen begannen auch als Fachkräfte zu arbeiten, nicht mehr bloß als Schreib- oder Organisationskräfte. Der Weg zur vollständigen Gleichberechtigung führt seit den 1980er-Jahren in die heutige Zeit.

24 Prozent Frauenanteil hat Evonik nach Angaben von Bernd Diener heute - sowohl im Gesamtkonzern als auch am Standort Krefeld. "Wenn man vor zehn Jahren in Hörsäle geblickt hat, welche Frau hat da Ingenieurwissenschaften studiert?", fragte Diener. Das habe sich glücklicherweise geändert. Allerdings bleibe es auch im Jahre 2016 schwer, Frauen für naturwissenschaftliche Berufe zu begeistern. "Gesetzlich haben wir alles geregelt", erläuterte Diener. Woran es an einigen Stellen noch fehle, sei die Akzeptanz. "Es kann noch ein Vorbehalt bestehen, wenn einer mit Frauen auf einer Schicht arbeiten muss", erzählte er.

Mit der Begeisterung hat es auch bei Alina Colakoglu nicht geklappt. Die 15 Jahre alte Schulkollegin von Veronika Giesen interessiert sich auch nicht für die Chemieindustrie. Aber für Frauenrechte, wie sie sagt.

Quelle: RP
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