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Viersen
Befremdliche Verfremdungen

Viersen: Befremdliche Verfremdungen
FOTO: Busch
Viersen. Das Euro-Studio Landgraf präsentierte in der ausverkauften Festhalle den Cole-Porter-Welterfolg "Kiss me Kate" als "Musical Comedy". Von Heide Oehmen

Wer mit der Erwartung in die Festhalle gegangen war, die einschmeichelnden Melodien des 1891 im Bundesstaat Indiana geborenen Komponisten Cole Porter und die überwiegend heitere, aber durchaus auch nachdenkliche Passagen enthaltende Geschichte der widerborstigen, doch schließlich mit einiger Gewalt gezähmten Kate zu erleben, kam an diesem vor allem von permanenter Lautstärke bestimmten Abend nicht so recht auf seine Kosten. Regisseur Hardy Rudolz und der musikalische Leiter Heiko Lippmann hatten statt der bekannten deutschen Textfassung Günther Neumanns die Neufassung von Peter Lund gewählt, die die textlichen Doppeldeutigkeiten deutlicher werden lässt. Davon war allerdings kaum etwas wahrzunehmen, denn die orchestrale Begleitung besorgte die "Big Band des bulgarischen nationalen Rundfunks" mit dem entsprechenden Instrumentarium.

Per se ist eine solche Formation nicht gerade auf leisere Töne eingeschworen, doch wurden die allesamt versierten Musiker darüber hinaus vom Mischpult derart großzügig bedacht, dass an weniger Lautstärke als mindestens Forte nicht zu denken war. Heiko Lippmann am Pult, der das Werk augenscheinlich wie im Schlaf beherrscht, schien mit der klanglichen Abstimmung einverstanden - Instrumente mal zu leiserem Spiel aufzufordern, kam bei ihm so gut wie nicht vor. Offenbar störte die beständige Lautstärke doch mehr Besucher als die Veranstalter vermutet hatten - nach der Pause gab es eine ganze Reihe freier Plätze.

Die allesamt erstklassigen Akteure auf der Bühne agierten mit enormem Einsatz, schoben bei Bedarf die geschickt gewählten Kulissen, verbreiteten mitreißende Spielfreude und zeigten sich auch tänzerisch sehr kompetent. Soweit das trotz der hier unbedingt notwendigen Mikroports zu beurteilen war, erschienen auch die gesanglichen Leistungen ohne Tadel. Dass vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen - Beatrix Reiterer als Kate und Sophie Blümel als ihre Schwester Bianca - häufig mehr als überdreht wirkten, ist vermutlich der Regie anzulasten. Einzig Guido Weber als Petruchio konnte sich bei seinem glänzend gelungenen "Wo ist der Mann, der einst ich war?" über ein wenig zurückgenommene Begleitung freuen. Besonders zu erwähnen ist Nils Schwarzenberg als herrlich tuntige, alternde "Hattie", die von vergangenem Ruhm träumt.

Natürlich wartet das Publikum auf die beiden Ganoven - Jan Reimitz und Guido Kleineidam - und ihr "Schlag' nach bei Shakespeare". Doch auch hier ging durch eingefügten Stepptanz und endlose Wiederholungen schließlich der Witz verloren.

Schade um dieses bemerkenswerte Musical - basierend auf der Shakespeare -Komödie "Der Widerspenstigen Zähmung" - bei dem in die Aufführung dieses Stückes durch eine um ihr Überleben kämpfende Theatertruppe immer wieder fast unmerklich Privates in das Bühnengeschehen mit einfließt. Die dadurch entstehenden, manchmal tragischen Momente kamen an diesem sehr langen Theaterabend leider viel zu kurz, wenn auch Ausstattung und Kostüme dem Auge schmeichelten.

Quelle: RP
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