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Brüggen
Brachter Häuser erzählen Geschichten

Brüggen: Brachter Häuser erzählen Geschichten
Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Pia Terstappen aus Bracht führte rund 30 Besucher durch den Ortskern. An einigen Häusern hängen schon Tafeln mit Informationen zur Historie, weitere sollen hinzukommen. FOTO: Birgit Sroka
Brüggen. Die Historikerin Anna Freier und die Kulturwissenschaftlerin Pia Terstappen machen die Vergangenheit von Gebäuden und Bewohnern sichtbar. Tafeln an den Fassaden berichten von Webern, Händlern und Schmugglern Von Birgit Sroka

Pia Terstappen begrüßt die Gruppe vor dem alten Bürgermeisteramt an der Marktstraße 1. Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin, die mit der Historikerin Anna Freier den "Brachter Hausgeschichten" nachgeht, hat zur ersten Führung durch den Ortskern eingeladen. Zwei Jahre arbeiteten die Brachterinnen an dem Projekt, bis die ersten sieben Tafeln an den Fassaden einzelner Gebäude aufgehangen werden konnten. Derzeit werden vier weitere Tafeln vorbereitet.

Rund 30 Interessierte haben sich zur Führung eingefunden. Längst nicht alle kommen aus der Region. Teils sind Urlauber gekommen, teils Besucher, die am Abend eine Filmvorführung unter freiem Himmel sehen wollen, die im Rahmen der Reihe "Filmschauplätze NRW" auf dem Bischof-Dingelstad-Platz gezeigt wird. Die Eheleute Rolf und Helga Buddé beispielsweise sind aus Düsseldorf angereist, Alexej Tschernjak kommt aus Gelsenkirchen, André Bürger aus Bremen.

Drohend schwebt der Adler über den Menschen. Diese Skulptur schuf Bildhauer Anton van Eyk. FOTO: Sroka Birgit

Vor dem alten Bürgermeisteramt erzählt Pia Terstappen den Gästen, wie das 1827 errichtete Gebäude früher genutzt wurde. Einst diente es als Schule, auch das Spritzenhaus der Feuerwehr war im Hof untergebracht. Ein zweiter Eingang führte zur Wachstation nebst kleinem Gefängnis. Die Führerin weist die Gruppe auf das ehemalige Hotel König hin, das gegenüber liegt: "Das muss noch erforscht werden."

Weiter geht es zur Königstraße. Bei Hausnummer 48 machen die Teilnehmer Halt. Das Haus wurde um 1770 gebaut - damals als Wohnhaus mit Stallungen und Bongert (Obstgarten). Spannend auch die Geschichte der Bewohner des Hauses, die für ihre Schmuggel-Aktivitäten bekannt waren, und von Zörs Trinchen, von der die Besucher dann hören: Die Frau eröffnete nach dem frühen Tod ihres Mannes Heinrich ein Schuhgeschäft.

Die Tafeln mit den "Hausgeschichten" die an den Häusern im Ortskern angebracht wurden, sind aus Plexiglas. Kurze Texte und einige Fotos informieren über die Häuser und ihre Bewohner. Unter anderem sind auf den Tafeln auch Bilder von alten Gewölbekellern zu sehen. Unter vielen älteren Häusern gibt es diese Gewölbekeller noch, in denen früher nicht nur Obst und Gemüse gelagert wurde.

Zur Recherche nutzten die Frauen eine französische Karte aus dem Jahr 1823. Auf dieser Karte war beispielsweise auch die Drei-Seiten-Hofanlage des Hauses an der Königstraße 25 eingetragen. Während der Führung weist Manfred Klingen aus Bracht auf eine Skulptur des Bildhauers Anton van Eyk hin, die über einem Fenster des alten Pfarrheims an der Schulstraße zu sehen ist: Ein Adler scheint mit seinen Krallen nach fünf Menschen greifen zu wollen, die am Boden liegen, den Kopf schützend in den Händen verborgen. "Man nannte es ,Das Unheil von Bracht'", berichtet Klingen über das Kunstwerk. "Von unten betrachtet sieht man in der zweiten Figur von links Adolf Hitler."

Von der alten Schule geht es weiter zur Marktstraße. In Hausnummer 27 lebten 19 Kinder mit ihren Eltern, im Edgeschoss waren auch noch Webstühle untergebracht. Bei der Gelegenheit erzählt Pia Terstappen von der Webertradition: 1858 etwa arbeiteten 98 Meister und 53 Gesellen als Weber in Bracht.

Im Haus Nummer 23 an der Marktstraße war zeitweise das Postamt untergebracht. "Das Postamt ist immer mit demjenigen mitgezogen, der gerade das Amt innehatte", berichtet Terstappen. 1929 gab es im hinteren Teil des Gebäudes auch eine Bäderanstalt mit sechs Wannen und zwölf Duschbrausen. "Mein Großvater ist jeden Samstag hier baden gegangen", erzählt sie schmunzelnd. Auch die Gemeindewäscherei war einst in diesem Haus untergebracht. Die Wäscherei wurde von der Verwaltung damals gefördert - doch viele Brachterinnen protestierten, da ihre Wäsche dort nicht gut genug gesäubert wurde.

Weiter geht es zum Haus an der Marktstraße 12, in dem sich heute Raumausstattung Beeker befindet. Dort wurden früher Lederranzen und Lederhosen hergestellt - eine dieser Lederhosen trug der junge Heiner Beeker beim Dreh des Films "Vorstadtkrokodile". Das Haus an der Marktstraße 17 wurde bereits 1790 erwähnt, dort war einst eine Feldküche für Soldaten untergebracht. Vermutlich noch älter ist das Haus an der Marktstraße 13. Dort gab es eine Schankwirtschaft. Für die Führung dankten die Teilnehmer schließlich mit viel Applaus.

Quelle: RP
 
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