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Schwalmtal
Das Leben in Kürze auf dem Totenzettel

Schwalmtal: Das Leben in Kürze auf dem Totenzettel
Der Totenzettel von Anton Mömken berichtet, wie engagiert sich der Waldnieler Pfarrer für den Bau des Schwalmtaldoms und die Gründung des Krankenhauses einrichtete. 1883 weihte Mömken die neue Kirche St. Michael ein. FOTO: Sroka
Schwalmtal. Marlies Marliani aus Waldniel sammelt seit einigen Jahren Totenzettel. Knapp 1100 Andachtsblätter hat sie inzwischen zusammengetragen und jetzt an den Heimatverein Waldniel übergeben. Der Verein will ihre Arbeit fortführen Von Birgit Sroka

Auf dem Weg zurück in die Vergangenheit passiert es Familienforschern mitunter, dass sie nicht weiterkommen. Sie blättern in Kirchenbüchern und Standesamtsregistern, durchforsten das Internet, fügen Puzzleteil an Puzzleteil. Wer mehr über seine Vorfahren wissen will, für den sind Totenzettel oft eine wahre Fundgrube. Denn die kleinen Andachtsblätter verrieten früher viel über das Leben des Verstorbenen - zum Beispiel, wo der Verstorbene geboren wurde, wo er heiratete und wie viele Kinder aus der Ehe hervorgingen.

Die Waldnielerin Marlies Marliani sammelt seit drei Jahren Totenzettel. In dieser Zeit hat die 78-Jährige eine beachtliche Sammlung zusammengebracht: Knapp 1100 Totenzettel sind es inzwischen. "Ich hatte schon immer ein Faible für Ahnenforschung und habe privat 200 Totenzettel gesammelt", erzählt sie. "Und dann packte mich das Sammelfieber. Vor allem stellte ich fest, dass ich die meisten Leute kannte. Wir sind einfach geboren, um zu sterben." Bekannte und Verwandte halfen ihr beim Sammeln. Marliani pflegte ihre Sammlung, legte die Totenzettel vorsichtig in Klarsichthüllen, um sie zu schützen, archivierte sie im Computer.

Und je älter die Totenzettel waren, die sie bekam, desto mehr freute sie sich, denn die alten Blätter geben mehr Informationen über die Toten. Bei verheirateten Frauen war es üblich, nicht den Vornamen der Frau auf den Totenzettel zu schreiben, sondern den ihres Mannes. Aus Anna Müller wurde mit der Eheschließung "Frau Wilhelm Müller". Auch über das Leben des Verstorbenen verraten die Totenzettel einiges, was dem Familienforscher einen Eindruck des Vorfahren vermitteln kann. "Einsam geworden, verbrachte sie ihre Tage in Gebet und Vorbereitung auf den Tod", heißt es etwa auf dem Totenzettel einer Witwe, die 1956, drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, starb. Oder: "Selbst unberührt vom modernen unkirchlichen Zeitgeist, hat er auch seiner Familie treue kirchliche Gesinnung und Lebenshaltung als bestes Erbe eingepflanzt", verrät der Totenzettel über einen 1933 Verstorbenen.

Totenzettel haben im katholischen Europa eine lange Tradition. Sie wurden bei der Beerdigung an Angehörige und Freunde des Verstorbenen verteilt und häufig im Gebetbuch aufbewahrt. Gedruckte Andachtsblätter, die an das Leben des Verstorbenen erinnern und mit denen die Gläubigen zum Gebet für den Toten aufgefordert werden, sind seit dem 18. Jahrhundert am Niederrhein belegt. Das Stadtarchiv in Viersen beispielsweise bewahrt einen Totenzettel von 1775 auf. Auch das Kreisarchiv verfügt über eine umfangreiche Sammlung aus dem gesamten Kreisgebiet.

Zu Marlianis Schätzen gehören die Totenzettel von Pfarrer Anton Mömken, Pfarrer Dominikus Hacks, Kommerzienrat Josef Kaiser und Julie Kaiser. Mömken (1811-1894) wurde 1854 Pfarrer im damaligen Burgwaldniel, unter Mömken wurde der Schwalmtaldom gebaut und das Krankenhaus gegründet. Der Text auf seinem Totenzettel berichtet davon, wie Mömken Unterstützer für diese Projekte gewann: In Waldniel war "sein Wirken ein gesegnetes, sein Verhältnis zu der Gemeinde stets ein gutes. Deshalb gelang es dem Verstorbenen auch, dieselbe für den Bau einer herrlichen Kirche zu begeistern, den Bau ganz und die Ausschmückung fast zu vollenden. Ebenso wusste er opferwillige Herzen für die Beschaffung der Mittel zur Gründung eines Krankenhauses zu gewinnen." Der Totenzettel von Peter Noethlichs (1796-1853), ab 1829 Pfarrer in Waldniel, erzählt von einem Mann, der seiner Pfarrgemeinde "als Hirt und Seelsorger, als Vater und Freund Alles in Allem" war, "menschenfreundlich, sanft, uneigennützig bis zum äußersten Grade".

Ihre Sammlung hat Marlies Marliani nun dem Heimatverein Waldniel übergeben. Das Augenlicht verlässt sie. 1100 Blätter hat sie im Computer archiviert - weitere 250 liegen noch in Kästen und müssen digitalisiert werden. Der Heimatverein Waldniel will Marlianis Arbeit weiterführen.

Quelle: RP
 
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