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Schwalmtal
Der Bürgermeister türmte, als der Feind kam

Schwalmtal: Der Bürgermeister türmte, als der Feind kam
Die sehr detailreiche Ausstellung von Fotos, originalen Dokumenten und anderen Fundstücken aus den Jahren 1944 und 1945 wird im Lüttelforster Pfarrheim noch bis zum kommenden Wochenende gezeigt. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Schwalmtal. Der Förderverein für Kultur und Tradition beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Kriegsende in Waldniel. Karl-Heinz Schroers erzählte in St. Jakobus Lüttelforst, wie die Waldnieler das Frühjahr 1945 erlebten. Eine Ausstellung begleitet die "Natur- und Kulturtage". Von Ingrid Flocken

Als die Alliierten nach der Landung in der Normandie über Belgien immer weiter nach Nordwesten vorrückten, wurde der Krieg für die Menschen auch in Waldniel und Amern plötzlich immer realer. Auf ihrem Vormarsch westlich der Maas drückten die Alliierten die Wehrmacht allmählich immer weiter zurück, bis an die Grenze ihres eigenen Landes. Es schien nur eine Frage der Zeit, dass der Durchbruch gelang und der Gegner über die Maas vorrücken würde. Im unmittelbaren Grenzraum wurden Dörfer und Kleinstädte evakuiert. Ende November/Anfang Dezember befanden sich westlich der Maas die Ortschaften in alliierter Hand. Um die Rheinbrücke in Arnheim wurde schwer gekämpft. Aber erst Ende Februar rückten US-Truppen von Süden her nach Waldniel vor.

In den Mittelpunkt der "Natur- und Kulturtage" in Lüttelforst stellt der Förderverein für Kultur und Tradition die Zeit kurz vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt. Er beschäftigt sich damit, wie die Waldnieler diese Zeit erlebten. Den Auftakt bildete ein Vortrag in der Jakobus-Kirche, in dem Karl-Heinz Schroers - aus vielen Zeitzeugenberichten gesammelt - erzählte, was sich in den Monaten des Frühjahrs 1945, kurz vor Kriegsende, in Waldniel zugetragen hat.

"Die Waldnieler nahmen sich immer sehr wichtig", berichtete Karl-Heinz Schroers den rund 50 Zuhörern, "doch dies galt nicht für die Amerikaner." Diese nahmen sich eher die befestigten Städte vor als das kleine Waldniel, das inmitten weiter Felder lag. Die erste Gefahr kam daher am 19. November 1944 noch von den Nazis, die der Bevölkerung befahlen, dass jedes Haus zu einer Festung gemacht und bis zum letzten Atemzug verteidigt werden müsse. Zu der Zeit waren Leutnant Sternberg Leiter der Kommandantur und Adelheid Pötter im Rathaus angestellt. Sie erlebten später den Fliegerangriff am 22. Januar 1945. Dorothee Nellissen erzählte, dass just zu ihrer Taufe am 3. Februar 1945 direkt neben der Lüttelforster Kirche eine Bombe einschlug. Am 27. Februar 1945 wurde das Rösler-Werk in Waldniel bombardiert - einen Tag später war in Waldniel der Krieg zu Ende. Die letzten 50 Soldaten, die den Feind noch aufhalten sollten, starben im Kugelhagel.

Bürgermeister Quack türmte, und Willi Schrörs ging mit einer weißen Fahne amerikanischen Soldaten entgegen, die daraufhin ohne einen einzigen Schuss in Waldniel einmarschierten. "Willi hat Waldniel gerettet", sind sich die älteren Zuhörer mit Karl-Heinz Schroers einig. Das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945 blieb in Waldniel weitgehend unbeachtet, die Einwohner hatten damit zu tun, dass sie ihre Habseligkeiten retten konnten, Strom und Wasser bekamen. Nachdem die Amerikaner am 9. Juni von den Briten abgelöst wurden, gingen alle ans Aufräumen.

Im Pfarrheim von Lüttelforst laden Pia Steffen, Josefine Giesen und Wilhelm Birker vom Förderverein zu einer kleinen Ausstellung zum Thema ein. Sie haben Nachbarn um Fotos, Postkarten, Briefe von Soldaten an ihre Eltern in Lüttelforst, Dokumente und manches mehr gebeten. Zwischen den Tafeln hängt ein Kartoffelstampfer: Er wurde damals aus einem Handgranatengriff gemacht. Dass die Briefe so schwer zu lesen sind, erklärte eine Besucherin: "Das Papier war knapp, so wurden die Buchstaben immer enger aneinander geschrieben."

Die Ausstellung ist noch bis zum nächsten Wochenende zu sehen: Montag, Dienstag, Donnerstag von 17 bis 19 Uhr, Mittwoch 11 bis 13 Uhr, Freitag und Samstag von 13 bis 15 Uhr.

Quelle: RP
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