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Analyse
Der eigentliche Verlierer der Wahl ist die Politik

Viersen. Zweifelhafte Entscheidungen der großen Parteien sind eine Ursache für die schlechte Wahlbeteiligung in Stadt und Kreis. Von Joachim Niessen

Viersen Nach der Wahl ist vor der Wahl - das gilt mit Blick auf die kommenden zwei Wochen für Viersen und Niederkrüchten. Die Entscheidung, wer auf dem Stuhl des Bürgermeisters Platz nehmen wird, ist jeweils offen. In beiden Fällen geht der CDU-Kandidat als zweiter Sieger ins Rennen: Er muss sich mächtig um die Gunst der Wähler bemühen.

Zwei völlig unterschiedliche Stimmungen herrschen derzeit in der Viersener CDU-Zentrale an der Goetersstraße. Während die Kreispartei den vergangenen Wahlsonntag mit guter Laune bei einem Glas Bier und dem Ergebnis von Dr. Andreas Coenen als neuem Landrat ausklingen ließ, war der Stadtpartei gar nicht zum Feiern zumute. Ihr Kandidat, der langjährige Viersener Beigeordnete Dr. Paul Schrömbges, hat es in die Stichwahl geschafft. Mit einem Ergebnis, das der CDU-Spitze eine gewisse Blässe ins Gesicht trieb.

Doch der eigentliche Verlierer der Wahl(en) ist die Politik im Kreis insgesamt. Knapp 32 Prozent der Wähler zeigten überhaupt Interesse, ihren Landrat zu bestimmen. Und auch in Viersen waren nicht einmal 40 Prozent der Wahlberechtigten bereit, ein Votum beim Kampf um das Bürgermeisteramt abzugeben. Beides sind schockierende Zahlen, die Gründe zum Teil hausgemacht.

So ist es an Peinlichkeit für eine Volkspartei wie die SPD kaum zu überbieten, dass sie nicht in der Lage ist, in ihren Reihen einen Kandidaten für das Amt des Landrats zu finden. Die Kreis-SPD hat den offenen Kampf auf der Straße für ihre Politik schon vor Monaten aufgegeben. Was soll der Bürger von einer Partei halten, die sich nicht zur Wahl stellt? Rund 240 000 Stimmen konnten im Kreis für das Landratsamt gewonnen werden - die Sozialdemokraten haben sich nicht um eine einzige bemüht. Statt dessen gibt es Absprachen: CDU-Mann Ingo Schabrich, Dezernent für Jugend und Bildung, Gesundheit und Soziales, soll neuer Kreisdirektor werden, nachdem nun Coenen zum Landrat aufgestiegen ist. Das dann freie Dezernat wird mit einem Sozialdemokraten besetzt. So lautet der Deal - ohne den SPD-Wähler. Der wurde für diese Entscheidung nicht benötigt.

In der Stadt Viersen sieht das ganz anders aus. SPD-Urgestein Alfons Görgemanns ist ein Meister der Taktik und des Gespürs. Mit der Kandidatin Sabine Anemüller zog er für seine Partei mit einer Trumpfkarte in die erste Wahlrunde auf dem Weg ins Bürgermeisteramt, die gestochen hat. Die 52-jährige Fachfrau mit Verwaltungserfahrung konnte sowohl den CDU-Kandidaten hinter sich lassen, als auch am Sonntag alle anderen Wahlträumereien und -spekulationen um einen Einzug ins Rathaus beenden. Ihr größter Vorteil: Die gesamte Viersener SPD setzt zu jedem Zeitpunkt auf diese eine Kandidatin, die Partei steht uneingeschränkt hinter ihr. Mit dieser vorausschauenden Personalpolitik hat Görgemanns Ruhe, Zuversicht und vor allem Einsatzbereitschaft in die Reihen seiner Genossen gebracht.

Davon ist CDU-Parteichef Marc Peters derzeit weit entfernt. Es klang wie das berühmte "Pfeifen im Wald", als er am Sonntagabend verkündete, dass das wichtigste Wahlziel erreicht sei: "Unser Kandidat ist in der Stichwahl am 27. September." Peters weiß: Das war das Minimalziel. Zwei Wochen haben die Christdemokraten nun Zeit, das zu erreichen, was sie in den vergangenen Jahren versäumt haben: Ihre Wähler hinter sich zu vereinen. Das Ergebnis zeigt, dass die CDU den parteiinternen Streit um Bürgermeisterkandidatur und Parteiführung an der Basis noch immer nicht vergessen machen konnte. Wenn Dr. Paul Schrömbges nächster Bürgermeister in Viersen werden will, müssen er und seine Partei kurzfristig den Weg zurück zum Bürger finden. Punkten muss die CDU vor allem bei den (eigenen) Stimmberechtigten, die am Sonntag den Weg zur Urne nicht gefunden haben.

Und noch eine weitere Mammut-Aufgabe kommt auf die Partei um Marc Peters zu: Egal, ob Schrömbges neuer Verwaltungschef in Viersen wird oder nicht, am Tag nach der Wahl muss bei der CDU die Suche nach dem Bürgermeisterkandidaten für 2020 beginnen. Die Stadt-CDU muss - auch mit Blick auf die vergangenen Wahlperioden - endlich beweisen, dass sie wieder eine schlagkräftige Truppe mit gemeinsamen Zielen ist. Ob sie einen ersten Schritt in diese Richtung macht, werden die nächsten 14 Tage zeigen.

Quelle: RP
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