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Sebastian Pufpaff
Der Kampf gegen die "homogene Masse"

Sebastian Pufpaff: Der Kampf gegen die "homogene Masse"
Sebastian Pufpaff will Menschen aufwecken, sie anregen, Dinge zu hinterfragen, und auf die Mitverantwortung des Einzelnen hinweisen. FOTO: Manuel Berninger
Viersen. Der Kabarettist Sebastian Pufpaff ist am 20. Mai in der Burggemeindehalle in Brüggen zu Gast. Er bringt den Musiker Martin Zingsheim mit. Ein Gespräch über Kabarett und Kalauer, minderwertige Mixer und humoristisches Handwerk

Ihre Arbeit ist spürbar vom klassischen politischen Kabarett geprägt. Mitunter meint man gar den politisch-kritischen Geist der 1970er-Jahre wiederauferstehen zu sehen.

Sebastian Pufpaff Ich bin tatsächlich durch das klassische Kabarett politisiert, habe mit meinen Eltern zusammen den "Scheibenwischer" geschaut. Die waren begeisterte Kabarett-Besucher, gingen zu Pispers, Hildebrandt & Co. und nahmen mich oft mit. Gleichzeitig begann, als ich noch zur Schule ging, die große Comedy-Welle: Thomas Hermanns "Quatsch Comedy Club", Knacki Deusers "Night Wash". Diesen Umbruch des noch dominierenden professionellen politischen Kabaretts und dem gleichzeitigen Aufkommen einer "jungen wilden" Comedy-Szene habe ich seinerzeit miterlebt. Ich gehöre, ebenso wie Martin Zingsheim, mit dem ich am 20. Mai gemeinsam in Brüggen auf der Bühne stehen werde, zu der Generation, die beides miteinander verquickt: Kabarett und Comedy.

Wie schaffen Sie es, die Balance zu halten zwischen fundierter Gesellschaftskritik auf der einen und Zoten und Kalauer auf der anderen Seite?

Pufpaff Wichtig ist so etwas wie ein innerer Kompass. Die Nadel sollte schon klar in eine Richtung zeigen: Ich muss eine Meinung haben. Nehmen wir als Beispiel Brokkoli - den kann man mögen oder nicht mögen. Ich nehme gerne einen Standpunkt ein, mit dem der Zuschauer nicht rechnet, um diesen dann aber auch wieder zu brechen. Humor ist, das Unerwartbare zu präsentieren. Ob auf der Bühne, im Fernsehen oder auf der Gartenparty: Derjenige ist erfolgreich, der eine Meinung hat und Stellung bezieht und das unterhaltsam "rüberbringt".

Das klingt fast wie eine handwerkliche Anleitung. Hat Ihr beruflicher Werdegang mit so unterschiedlichen Stationen wie Teleshopping-Verkäufer und Nachrichtenredakteur Ihnen das handwerkliche Rüstzeug für ihr jetziges Tun verschafft?

Pufpaff Diese Erfahrungen helfen mir heute sicherlich. Beim Teleshopping habe ich gelernt, wie man vor einer Kamera agiert. Ob ich einen Küchenmixer minderer Qualität oder eine Geschichte verkaufen will: Beides geht in erster Linie über Emotionalität - ich muss eine emotionale Ebene schaffen, die dem Zuschauer einen Zugang bietet. Im Falle der Geschichte darf er sich auch total provoziert fühlen, beim Mixer wäre das eher kontraproduktiv. Für eine funktionierende Nummer schafft man am Anfang ein heimeliges Terrain, das den Zuschauer in der trügerischen Sicherheit wiegt, mit dem da vorne auf der Bühne einer Meinung zu sein. Dann kommt der Zeitpunkt, hintenrum die eigentliche Message zu platzieren und den Spiegel vorzuhalten, der "Till-Eulenspiegel-Moment" gewissermaßen.

Kabarett verstand sich einst als kritischer Beobachter der Mächtigen und Mahner gegen Obrigkeitsgläubigkeit. Welche Rolle spielt derlei heute noch?

Pufpaff Der "Kampf gegen die Mächtigen" ist für meine Arbeit kein relevantes Kriterium. Ich kämpfe eher für die Eigenverantwortung und gegen die "homogene Masse". Mir geht es darum, aufzuwecken und die Dinge zu hinterfragen. Was ist damit geändert, wem geholfen, wenn ich die äußerliche Erscheinung von Frau Merkel zum Anlass für despektierliche Bemerkungen nehme? Für mich sind Fragen wie "Warum hat die AfD aktuell so einen Erfolg?" viel wichtiger. Laut Umfragen wird die von 75 Prozent ihrer Wähler gewählt, weil diese mit den etablierten Parteien unzufrieden sind. Ein mündiger Bürger sollte sich darüber im klaren sein, dass er mit der Wahl solch einer vermeintlichen Alternative erst recht zur Stagnation beiträgt, weil es dadurch vermehrt zu Großen oder "Ampel"-Koalitionen kommt. Auf derlei Zusammenhänge und die Mitverantwortung jedes Einzelnen hinzuweisen ist mir wichtig.

Nennen Sie uns bitte einen Grund, den Abend des 20. Mai nicht vor dem TV, sondern in Brüggen mit Pufpaff und Zingsheim zu verbringen.

Pufpaff Jetzt machen Sie es mir aber einfach, schließlich leben wir in einer Gesellschaft der Rabattierungen und All-You-Can-Eat-Buffets. Liebe Leute: Zwei zum Preis von einem, wo gibt es denn sowas außer beim Aal-Fred auf dem Hamburger Fischmarkt? Wer da noch glaubt, er macht nicht plus, dem ist nicht mehr zu helfen. Es wird ein sensationeller Abend. Dafür stehe ich mit meinem Namen und meinem bekloppten Nachbarn!

DAS GESPRÄCH FÜHRTE DIETER MAI

Quelle: RP
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