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Niederkrüchten
Der mexikanische Chopin

Niederkrüchten. Beim Konzert "Eine Klezmer Rhapsodie" boten Marcel Salomon und Julia Vaisberg Überraschendes. Von Angela Wilms-Adrians

Ein reiches Füllhorn der Stimmungslagen von Melancholie bis zu überbordender Fröhlichkeit bot das Konzert "Eine Klezmer Rhapsodie". Im Rahmen der Niederkrüchtener Musikabende begeisterten der Klarinettist und Taragotspieler Marcel Salomon sowie Julia Vaisberg am Flügel mit einem ungemein vielschichtigen Programm.

Zu Werken von Komponisten, die sich von der Volksmusik inspirieren ließen, bewiesen die Interpreten im Pfarrzentrum eine ansteckende Hingabe, Wandlungsfreude und schließlich mit fortschreitender Stunde auch Showqualitäten. Salomon hatte durchweg moderiert. Dabei war immer wieder Mal ein schelmisches Flackern zu erkennen, doch schließlich zeigte der Interpret, was für ein unbändiges Temperament und welche Lebensfreude in ihm steckt. Da konnten die Besucher oft nicht anders als staunen und lustvoll genießen.

Zu Francis Poulencs Romanza entfaltete das Duo im behutsam und fein differenzierten Spiel einen rätselhaft schwebenden Klang mit nachsinnenden Momenten.

Es sei einer der schönsten Sätze aus der Klarinettenliteratur sagte Salomon über Istvan Horvath-Thomas' Partita Ongarese, die von ungarischen Volksweisen geprägt ist. Hierfür tauschte der Musiker die Klarinette gegen das Taragot ein. Ein Instrument, das seinen Ursprung in Transsilvanien hat, "da, wo Dracula aufwuchs", wie Salomon mit einem schelmischen Zwinkern erklärte. Die Zuhörer genossen den vollen, warmen Klang des den meisten bis dahin unbekannten Taragots. Vaisberg unterlegte mit sanft leuchtenden und kristallinen Tönen, gestaltete nach Bedarf filigran oder temperamentvoll. Zum abschließenden Finale brillierte sie mit Salomon zu quirlig virtuosen Passagen.

Eine Neuentdeckung für die Zuhörer dürfte ebenso der lateinamerikanische Komponist Manuel Maria Ponce gewesen sein. Er gelte wegen seiner vielen Mazurkas und Polonaisen als der "mexikanische Chopin", erklärte Julia Vaisberg, die im solistischen Vortrag ausdrucksvoll und mit dynamischen Facetten bis hin zum zart schwebenden Klang ein bezauberndes Stück vorstellte.

Mal wunderbar vollmundig, mal dramatisch entflammt oder im tänzerischen Schwung mit witzigen Staccati servierten wieder beide gemeinsam Bartoks Rumänische Volkstänze.

Unendlich fein gelang Ravels kunstvoll hingetupftes "Pièce en forme de Habanera" und spannungsreich aufgeladen George Gershwins bekannte "Rhapsodie in Blue".

Nach der Pause wählten die Interpreten zunächst das eher ernste "In the House of Talmudic Study". Ungemein reizvoll betörte ihre Darbietung von Ivanovicis "Der Chassene Walz". "Jetzt sind Sie dran. Machen wir es interreligiös", forderte Salomon die Besucher auf, zum jüdisch spirituellen Higun Chabad lautmalerisch mitzusingen.

"Ich hoffe, Sie haben noch Zeit", fragte er rhetorisch angesichts der Fülle der ausgewählten Literatur. Ein allgemeines Nicken bewies, dass sich alle gerne die Zeit zum weiteren Verweilen nahmen. Es wäre auch schade gewesen, wenn eines der ausgewählten Stücke gefehlt hätte. Die Zugabe "Where is the Tiger" wurde da zum furiosen Abschluss.

Quelle: RP
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