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Serie Vor 500 Jahren
Der Wohnsitz des ersten Landrates

Serie Vor 500 Jahren: Der Wohnsitz des ersten Landrates
Das Dückerhaus in Oedt (links), Haus Stockum bei Neersen (oben rechts) und Haus Neersdonk bei Vorst (rechts) - die drei ehemaligen Adelssitze haben alle jeweils zwei diagonal versetzte Ecktürme. FOTO: Wolfgang Kaiser
Kreis Viersen. Das 1515 erstmals genannte Dückerhaus bei Oedt ist eines von 73 Herrenhäusern entlang der Niers. Von Prof. Dr. Leo Peters

Kreis Viersen Es ist gewiss nicht übertrieben, wenn man Dr. Stefan Frankewitz' 2011 erschienenes Buch über die Burgen, Schlösser und Herrenhäuser entlang der Niers eine der spektakulärsten und prächtigsten Publikationen zur Geschichte des Niederrheins seit Jahren nennt. Der 2013 viel zu früh verstorbene Gelderner Archivar ist in Wort und Bild der Geschichte von nicht weniger als 73 meist adeligen Sitzen zwischen der Quelle der Niers bei Erkelenz und der Mündung in die Maas bei Gennep nachgegangen.

Die auffällige Konzentration von Burgen und festen Häusern entlang der Niers hat ursprünglich viel mit der Funktion des kleinen Flusses als Grenzfluss zwischen verschiedenen spätmittelalterlichen Territorien zu tun. Allein auf dem Boden des heutigen Kreises Viersen lagen 13 dieser Sitze: Schloss Neersen, Haus Stockum, Clörath, Dückerhaus, Haus Neersdonk, Burg Uda, Haus Steinfunder, die Dorenburg, Langendonk, Aldenhoven oder Genanes, Berendonk oder Horbes Bergske, Niershoff, Neersdomer Mühle mit dem Kloster Mariendonk.

Von der Existenz des ehemaligen Adelssitzes Dückerhaus bei Oedt erfährt man erstmals in einer von Frankewitz im Archiv von Haus Caen bei Straelen nachgewiesenen Urkunde aus dem Jahre 1515. Damals wird das Gut in einem Erbteilungsvertrag zwischen den Brüdern Heinrich und Johann von Nunum genannt Dücker und ihrer Mutter Elisabeth genannt, wozu auch die "molen op der Nersen" bei Süchteln gehörte, die spätere Holtzmühle. Nach den in dieser Urkunde getroffenen Festlegungen sollte Heinrich das Dückerhaus erhalten und seine Mutter bei sich aufnehmen. Gleichzeitig behielt sich die Mutter für den Fall, dass sie sich nicht vertragen würden, "dat Berchfryt" vor, woraus, so Frankewitz, "zu schließen ist, dass der Bergfried, ein wohl aus Fachwerk errichteter Turm, auch Wohnzwecken gerecht wurde".

In seiner heutigen Form ist das Dückerhaus um 1650 errichtet worden. Auffallend sind die beiden diagonal versetzten, mit barocken, hübsch geschweiften Hauben versehenen Ecktürme, was man ähnlich im nicht weit entfernten Haus Neersdonk bei Vorst wiederfindet. Neben dem Eingangsportal, das man über eine steinerne Brücke erreicht, sind noch die Rollen einer Zugbrücke erkennbar. Die kompakte Form des zweigeschossigen Backsteinhauses ist der von Haus Stockum bei Neersen sehr ähnlich, das ebenfalls über zwei diagonal angeordnete Ecktürme verfügt.

Bemerkenswert ist die Besitzgeschichte des adeligen Gutes. Auf dem Erbwege kam es nach mehreren Generationen der von Nunum genannt Dücker durch Heirat in den Besitz eines prominenten kurbrandenburgischen Beamten, des Freiherrn Eberhard von Danckelmann, der zum leitenden Staatsminister des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, des ersten preußischen Königs, aufstieg. Zwar hat Danckelmann wohl nie auf Dückerhaus gewohnt, konnte aber 1697 Steuerfreiheit für Dückerhaus erreichen. Mit seiner Frau Cäcilie Juliane von Nunum verkaufte er das Gut 1705 an die Abtei Gladbach.

Von kreisgeschichtlicher Bedeutung ist die Tatsache, dass Dückerhaus Wohnsitz des ersten Landrates des 1816 gegründeten königlich preußischen Kreises Kempen war: Peter Joseph von Monschaw, der schon 1811 als "Niersinspektor" und Beigeordneter begegnet. 1812 wurde er Bürgermeister (Maire) von Oedt. Landrat des Kempener Kreises war er von 1816 bis 1838 und stieß als solcher viel kreisgeschichtlich Relevantes an. Es ist anzunehmen, dass er seine Amtsgeschäfte teilweise in seinem Rittersitz Dückerhaus erledigte. Leider ist im Gegensatz zu allen seinen Nachfolgern kein Bildnis von ihm überliefert.

Der Niers galt sein ganz besonderes Interesse. 1839 verfasste er eine "Skizze der geschichtlichen Entwicklung der Fluß-Polizei an der Neers und ihrer Verbesserung aus amtlichen Nachrichten". Diese Schrift widmete er "den Bewohnern des Neers-Thales". Peter Joseph von Monschaw starb 1840 in Köln, wo er 1768 auch geboren war. Er gehörte zu jenen vielen Amtsträgern seiner Epoche, die unter drei politischen Systemen dienten: dem Kaiser, den Franzosen und schließlich den Preußen. Dückerhaus ist auch heute noch ein landwirtschaftlich genutztes Gut, was es ungeachtet seiner Qualität als Adelssitz immer war. Wer von Oedt nach Süchteln fährt, kann es unschwer rechter Hand von der Straße aus sehen - ein wertvolles Beispiel der vielen noblen Herrenhäuser im Kreis.

Quelle: RP
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