| 00.00 Uhr

Peter Ottmann
Die Dinge da diskutieren, wo sie hingehören

Viersen. Landrat Peter Ottmann scheidet aus seinem Amt aus, offiziell verabschiedet wird er am Freitag, 23. Oktober. Dann war er 25 Jahre im Kreis Viersen tätig: Stadtdirektor und Bürgermeister in Nettetal, elf Jahre Landrat.

Es ist Herbst und damit am Niederrhein kalt, nass und einfach ungemütlich. Können Sie sich erinnern, wie es war, als sie hierherkamen?

Ottmann Ich bin am 2. Mai 1990 bei strahlendem Sonnenschein gekommen. Wegen der großen Messe Drupa in Düsseldorf bekam ich kein Hotelzimmer. Leuths Ortsvorsteher, der spätere Bürgermeister Matthias Timmermanns, besorgte mir ein Zimmer im Haus Maria Helferin am Schwanenhaus, damals noch in Hand des Ordens Unserer Lieben Frau aus Mülhausen. Der Tag begann immer mit dem Gottesdienst in der Kapelle. 14 Tage habe ich da gewohnt, dann noch eine Woche im Hinsbecker Hotel Josten.

Welchen Eindruck hatten Sie von Nettetal und der Umgebung?

Ottmann Der Sprung war, bis auf die Entfernung, so groß ja nicht. Ich bin in Warendorf aufgewachsen und war sechseinhalb Jahre in Cloppenburg. Alles ländlich geprägte Strukturen im Flachland. Selbst die Mentalität unterscheidet sich nicht so sehr.

Ihre Aufgabe war aber dennoch eine andere.

Ottmann Ja. Nettetal war eine gerade erst 20 Jahre alte Stadt mit damals noch fünf Stadtteilen. Neu war für mich, dass der Stadt die Stadtwerke, das Krankenhaus und die Baugesellschaft gehörten und ich damit eine zusätzliche Aufgabe hatte. In Cloppenburg war das eine Kreisaufgabe. Inhaltlich stand die Stadtentwicklung an einem Wendepunkt. Die viel höher eingeschätzte Einwohnerprognose traf nicht ein, man hatte Abschied genommen von einem komplett neuen Stadtzentrum in Breyell-Onnert. Wir haben beschlossen, für die Stadtteile Schwerpunktaufgaben zu definieren. Man muss in solchen Situationen den Mut haben, Prioritäten zu setzen. Das gilt heute im größeren Rahmen für die Region. Kreisentwicklung darf man ja nicht sagen, das ruft sofort Widerstand hervor. Aber wir müssen uns innerhalb einer Region zukunftsfähig entwickeln. Das betrifft Demografie, Mobilität, Wohnen, wirtschaftliche Entwicklung und vieles andere mehr.

Was sollte sich denn innerhalb des Kreises weiter entwickeln?

Ottmann In Nettetal war ich Mitgeschäftsführer des städtischen Krankenhauses und hatte von vornherein den Wunsch nach Austausch mit anderen Geschäftsführern von Krankenhäusern. Jedes Haus hat seine eigene Philosophie mit eigenen Zielen. Wir erleben jetzt den Trend zu großen Häusern. Die Häuser im Kreis sollten kooperieren, wo immer es nur geht. Es wäre schade, wenn wir auf Dauer keine Krankenhaus-Struktur mehr im Kreis Viersen hätten. Jeder weiß doch, dass große Häuser in Krefeld und Mönchengladbach mit Interesse auf den Kreis Viersen schauen.

Wie sollten die Häuser sich verhalten?

Ottmann Voraussetzung ist die generelle Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Wichtig ist dann, wie das Ergebnis aussieht. Es gilt, einen solchen Prozess zu moderieren und Zugang zu den Leuten zu finden. Das ist nur dann möglich, wenn die Häuser, respektive ihre Träger, miteinander reden und gemeinsame Ziele formulieren.

Als Bürgermeister und dann als Landrat haben Sie eine Doppelrolle auszufüllen. Hier Verwaltungschef, dort Vorsitzender und stimmberechtigtes Mitglied im Stadtrat oder Kreistag. Hinzu kommt eine enorme Terminfülle.

Ottmann Auch als Stadtdirektor hatte ich schon reichlich Termine. Das ist Teil einer Aufgabe, wenn man im öffentlichen Leben steht. Bürger haben dafür Verständnis und ein feines Gespür. Entscheidend waren für mich das Arbeitsklima und das Verhältnis zum Stadtrat oder zum Kreistag. Ich habe einmal einen Beschluss des Kreistags beanstandet, an dem ich selbst mitgewirkt hatte. Es gab bei den Beratungen zum Haushalt 2006 einen Konflikt um geheime Abstimmungen, auch die Wahlkabinen fehlten. Aus Gründen der Rechtssicherheit habe ich die Beschlüsse neu fassen lassen. Inhaltlich änderte sich übrigens nichts.

Apropos Haushalt. Sie haben immer auch mit der Finanznot auf kommunaler Ebene zu kämpfen gehabt.

Ottmann Ich erinnere mich, dass es zu Beginn der 1990er-Jahre eine Demonstration in Bonn unter dem Titel "Städte in Not" gab. Theo Waigel war damals Finanzminister, und Ministerpräsident Albrecht setzte von Hannover aus eine Initiative durch, die den Kommunen helfen sollte. Gewirkt hat sie aber auch nicht.

Warum geht es den Kommunen, also Gemeinden, Städten und Kreisen, finanziell chronisch schlecht?

Ottmann Den Kommunen werden von Bund und Ländern immer mehr Aufgaben aufgebürdet, während die Finanzausstattung im Gegenzug immer schlechter wird. Trotzdem hat es ja stets irgendwie geklappt. Ich beklage aber zunehmend, dass zwar schöne, aber nicht immer sinnvolle Aktionen vom Land angestoßen und anfinanziert werden. Es lockt mit dem Geld, dem kann man sich nicht immer entziehen. Fließen nach drei Jahren aber keine Zuschüsse mehr, hat die Kommune alles alleine am Bein. Ich wehre mich gegen diese Praxis, weil sie auch innerhalb der Kommune Konflikte schürt: Die einen wollen das Programm nicht, die anderen kämpfen darum.

Ab Mitte der 1990er-Jahre haben sie maßgeblich das Projekt Venete vorangetrieben. Venlo, das damals noch selbstständige Tegelen und Nettetal wollten im Grenzraum eine gemeinsame Entwicklung fördern. Davon ist heute nichts zu sehen. Sind Sie von den niederländischen Partnern enttäuscht?

Ottmann So schwarz kann man das nicht sehen. Wir haben im Sitzungssaal der Stadtwerke Nettetal in Kaldenkirchen vor einer Flipchart erste Gespräche geführt. Tegelens Bürgermeister Visschers, der Venloer Planungsdezernent Strouken und ich. Daraus hat sich doch etwas entwickelt. Die Autobahn ist da, das Venetegebiet ist entwickelt, und die Firma Cabooter kommt aus Venlo, um in Kaldenkirchen einen Railterminal zu errichten.

Das ist eine Initiative der Wirtschaft selbst.

Ottmann Ja, das ist aber gut so. Politik und Verwaltung müssen den strukturellen Rahmen schaffen. Cabooter macht, was sein Geschäft ist. Er unternimmt etwas innerhalb der neu geschaffenen Struktur. Die neue Straße von Kaldenkirchen nach Venlo bewährt sich für Privatleute ebenso wie für die Wirtschaft. So entwickelt sich etwas von selbst weiter. Venete ist immer noch ein hochinteressantes Gebiet, das sich füllen wird. Da bin ich ganz sicher.

Wirtschaft, Bildung, Kultur und viele andere Begriffe mehr sind Teil des von Ihnen angestoßenen Masterplans. Die Flüchtlingsströme konnte niemand vorausahnen. Welche Antworten haben Sie dafür?

Ottmann Nach der Unterbringung der Menschen ist die eigentlich große Aufgabe ihre Integration. Voraussetzungen sind Sprache, Ausbildung und ihr Arbeitskräftepotenzial. Der Masterplan gibt auch darauf Antworten. Spannend wird die Entwicklung des ehemaligen Flughafens Elmpt. Der Kreis sollte sich damit einbinden. Parallel zur Einrichtung der Unterkunft von zunächst 2500 und später 1000 Flüchtlingen sollte die Arbeit an der Entwicklung der Flächen angepackt und umgesetzt werden. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

Während Ihrer Nettetaler Zeit hätten Sie gerne die Adalbert-Stiftung und das Kleinewefers-Haus auf dem Heydevelthof genutzt, um junge Eliten aus Mittelosteuropa an die Europäische Union heranzuführen. Hätte das auch manchen Konflikt, den wir heute in der EU haben, abgemildert?

Ottmann Das weiß ich nicht. Die Stiftung ist einen anderen Weg gegangen. Aber es ist richtig, dass wir gerne - ich war es ja nicht alleine - junge Menschen mit entsprechender Ausbildung aus Polen, Tschechien, der Slowakei und aus den baltischen Staaten hierher holen wollten. Von Nettetal aus hätte die Möglichkeit bestanden, die europäischen Institutionen zu besuchen, sie kennenzulernen und sie zu studieren.

Mit Elk in Polen gibt es immerhin eine Partnerschaft.

Ottmann Ja. Mit dem Partnerkreis in Litauen hat es nicht geklappt, weil er kurz nach unserem ersten Besuch dort aufgelöst wurde. Aber das Berufskolleg hält die Verbindung, so ganz fruchtlos sind die Anstrengungen nicht geblieben.

Was machen Sie künftig?

Ottmann Nach mehr als 31 Jahren werde ich sicherlich das eine oder andere noch einmal angehen. Ich bin für geraume Zeit noch DRK-Kreisvorsitzender und im Vorstand der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft Kreis Viersen, es gibt noch weitere Gremien, denen ich angehöre. Eine Anwaltszulassung ist auch beabsichtigt. Anders wird sein, dass ich an Wochenenden und an Abenden frei von Terminen sein werde. Ich möchte mich meine Familie widmen und Freundschaften pflegen und vertiefen. Es war eine insgesamt schöne Zeit, direkt an den Themen, es waren Entscheidungen zu treffen.

Es waren auch Konflikte auszuhalten.

Ottmann Miteinander reden, streitig diskutieren, sich austauschen - das alles ist doch der Kern von Demokratie. Ist ein Thema entschieden, dann ist die Debatte beendet, es sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass alles auseinanderfliegt oder gar das Tischtuch zwischen streitenden Parteien zerschnitten ist. Das Ringen um eine Lösung gehört zu unserer Demokratie.

Die G-8-Runde aus Partei- und Fraktionsvorsitzenden von CDU, SPD, FDP und Grünen im Kreistag verhält sich im Ergebnis aber nicht so.

Ottmann Ich gehöre nicht dazu. Ich erwarte von politischen Parteien, dass sie Standpunkte vertreten und sich öffentlich auseinandersetzen. Dinge muss man da diskutieren, wo sie hingehören, in Ausschüssen und im Kreistag.

LUDGER PETERS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Peter Ottmann: Die Dinge da diskutieren, wo sie hingehören


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.