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Schwalmtal
Die Faszination der maroden Dinge

Schwalmtal: Die Faszination der maroden Dinge
Susanne Neuls öffnet am Wochenende ihr Haus an der Breslauer Straße 42 in Waldniel für Besucher. Die pensionierte Lehrerin gehört der Künstlergilde Neersen an und lebt seit 2012 in Schwalmtal. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Schwalmtal. Susanne Neuls gehört zu den Künstlern, die am Wochenende bei den "Tagen der Kunst" ausstellen. Im Ruhestand hat die Lehrerin endlich Zeit für etwas, das sie schon im Studium begeisterte: die Collage aus Farbe und Fundstücken Von Birgitta Ronge

Der Bank im Park sieht man an, dass schon viele Menschen auf ihr gesessen haben. An einigen Stellen ist die Farbe abgerieben, an anderen Stellen abgeplatzt. So mancher mag da die Nase rümpfen und vielleicht der Stadt schreiben, sie solle eine neue Bank anschaffen. Susanne Neuls hingegen freut sich, wenn sie solch ein verwittertes Stück Holz entdeckt. Sie fotografiert es, um daraus irgendwann ein Kunstwerk zu machen.

Susanne Neuls nimmt am Wochenende an den "Tagen der Kunst" in Schwalmtal teil. Am Samstag und Sonntag öffnen heimische Künstler wie Neuls ihre Ateliers, viele weitere Künstler stellen an verschiedenen Orten im Gemeindegebiet aus. Die "Tage der Kunst" stehen unter dem Motto "Unterwegs zur Kunst" - passend zum Themenjahr "unterwegs" im Kulturraum Niederrhein. Für alle, die gern mit dem Rad unterwegs sind, haben die Organisatoren eine Fahrradroute von Kunstort zu Kunstort ausgearbeitet, die sich im Internet abrufen lässt.

Neuls, 1950 in Büderich geboren, studierte Anfang der 1970er-Jahre in Neuss und Düsseldorf Kunst bei Walter Cüppers. Bis 2012 unterrichtete sie als Lehrerin "leidenschaftlich Kunst", wie sie sagt. Cüppers weckte bei ihr die Begeisterung für Collagen, die sie an ihre Schüler weiterzugeben versuchte - auch an diejenigen, die davon überzeugt waren, in Kunst nicht gut zu sein. "Ich habe meinen Schülern gesagt: ,Ich hole mir etwas, was schon fertig ist, und bearbeite es. So entstehen Collagen'", erklärt Neuls. Wenn man die Schüler frei arbeiten lasse, keine Vorgaben mache, "dann machen sie es eigentlich ganz gerne".

Im Ruhestand hat Neuls nun mehr Zeit für eigene Collagen. Aus Papier, Farbe und verschiedenen Materialien entstehen an der Staffelei überwiegend abstrakte Gemälde, von denen auch die Künstlerin bei Beginn nicht sagen kann, wie sie am Ende aussehen werden. "Ich habe zwar eine Idee, aber im Grunde genommen leitet mich das Material", sagt Neuls. Wenn sie Acrylfarbe, Kohle, Schellack, Asphaltlack und Beize auf einer Leinwand zusammenbringt, "dann kann man herrliche Effekte erzielen, aber das muss man ausprobieren", sagt Neuls. Das Experimentieren stehe bei ihrer Arbeit im Vordergrund, "und wenn es etwas Gutes ist, nehme ich es auf".

Für ihre künstlerische Arbeit braucht Neuls Impulse, Emotionen. Collagen entstehen, "wenn ich überschwänglich bin oder betrübt". Meist geht sie am Nachmittag hoch in ihr Atelier im ersten Stock, in dem die Leinwände dicht an dicht stehen und an den Wänden hängen, die Pinsel in Eimerchen und Töpfchen warten und der abwaschbare Boden schon so manchen Farbspritzer abbekommen hat. Nachmittags ist bei Neuls also Malzeit, "aber es kann auch sein, dass mir bei den ,Tagesthemen' eine Idee kommt, die ich dann sofort umsetzen muss".

Eine Grundlage für ihre Ideen sind die Fotos, die sie unterwegs macht - etwa die Bilder der Farbreste auf einer alten Parkbank. Die stark vergrößerte Aufnahme eines Schadens setzt Neuls auf der Leinwand mit Farbe fort. So entsteht eine abstrakte Komposition, die nicht mehr verrät, wie sie entstand. Dem Betrachter bleibt die Erinnerung eines Schadensbildes. Entsprechend stellen sie in vielen ihrer Collagen Spuren der Verwitterung in den Mittelpunkt. Das kann ein altes Stück Holz sein, eine bröckelnde Mauer oder eine Plakatwand, an der immer wieder Werbeposter übereinander gekleistert wurden. "Ich mag das Marode, Ursprüngliche", sagt Neuls - Dinge, die von einem gelebten Leben erzählen. Die Künstlerin sagt: "Da ist Leben drin."

Um ihre Begeisterung für die Kunst und ihre Leidenschaft fürs Unterrichten zusammenzubringen, hat Neuls für das kommende Jahr weitere Pläne. Zwei Jahre lang unterrichtete sie in Waldniel ehrenamtlich Deutsch für Flüchtlinge, 2018 möchte sie eine Kreativwerkstatt für Menschen jeder Herkunft einrichten. Einheimische und Flüchtlinge sollen dort gemeinsam tätig werden und erfahren, was Neuls festgestellt hat: "Kunst ist eine Ausdrucksmöglichkeit, eine eigene Sprache."

Quelle: RP
 
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