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Niederkrüchten
Die Frage nach dem großen Glück

Niederkrüchten. Paul Mertens, Julia Vaisberg und Volker Mertens behandelten schwieriges Thema.

"Vom großen und vom kleinen Glück" hieß es beim ersten, gut besuchten Niederkrüchtener Musikabend 2016. Paul Mertens, seit Jahren gerne gesehener und gehörter Berliner Gast in Niederkrüchten, näherte sich dem nicht einfachen Thema unter Berücksichtigung der vorgesehenen Musik. Der sehr ernst erscheinende Musikwissenschaftler, der sich kaum einmal ein Lächeln gestattet, aber fesselnd und nie belehrend selbst komplizierte Zusammenhänge gut nachvollziehbar darzustellen weiß, ging zunächst auf die Handlung der Oper "Carmen" ein, deren Ouvertüre (in der Fassung für Klavier zu vier Händen) die Vortragsfolge eröffnet hatte.

Keiner der Protagonisten in dieser berühmtesten Oper von Georges Bizet konnte sein Glück finden, obwohl alle es erstrebten. Ähnliches ist in zwei Liedern von Franz Schubert zu entdecken ("Der Wanderer" und "Die Hoffnung"), die die Sehnsucht nach dem Glück zum Inhalt haben. "Das Menschenrecht auf Glück" wurde in der Zeit der musikalischen Klassik propagiert, wie zwei recht sorglos erscheinende Lieder von Joseph Haydn beziehungsweise Wolfgang Amadeus Mozart zeigten. Johann Wolfgang von Goethe riet: "Willst du immer weiter schweifen, sieh, das Gute liegt so nah, lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da". Zu diesen Gedanken passte eine Geschichte von Hermann Hesse, der als betagter Mann das kleine Glück, das er als Junge in der Geborgenheit seines Zuhause erleben durfte, bildhaft schildert.

Für Sergej Rachmaninov, von dem eine für ihn völlig untypische, unbeschwerte "Italienische Polka" für Klavier zu vier Händen erklang, war - angesichts der bedrängten Situation in seiner Heimat - Freiheit das größte Glück, und Hugo Wolf erlebte Glücksgefühle, wenn ihm eines seiner Lieder als besonders gelungen erschien.

Albert Schweitzer, Paul Mertens' "liebster Theologe", achtete die kleinen, erfüllenden Momente besonders - jeden Morgen, ehe er in seinem Krankenhaus in Lambarene operierte, gab ihm das Spielen einiger Werke von Bach die nötige Kraft. George Gershwin, mit dessen "Broadway-Songs" der Abend endete, fand sein Glück, indem er rund 700 Melodien erfand.

Julia Vaisberg erwies sich wieder einmal als alle Stilistiken brillant beherrschende Pianistin, und Volker Mertens war der aus dem Vollen schöpfende Gesangssolist, der Pianist (bei den vierhändigen Werken), der fesselnd Lesende (bei Hesse) und diesmal auch der einfallsreiche Komponist von fünf Liedern auf Wilhelm Busch-Texte. Diese Vielseitigkeit scheint das große und das kleine Glück des Volker Mertens zu sein.

(oeh)
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