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Linda Zervakis in Viersen
Die "Königin der bunten Tüte"

Linda Zervakis in Viersen: Die "Königin der bunten Tüte"
FOTO: Thuy Pham
Viersen. Als Höhepunkt im Frühjahrsprogramm der Nettetaler Literaturtage gilt die Lesung von Linda Zervakis in der Werner-Jaeger-Halle. In ihrem amüsanten, hintergründigen Buch schildert die 39-Jährige Erlebnisse im Kiosk ihrer griechisch-stämmigen Familie. Weil sie als Schülerin ihre Klassenkameraden mit einer Tüte voll Leckereien aus dem Kiosk versorgte, avancierte die Hamburgerin zur "Königin der bunten Tüte". So lautet auch der Titel ihres Buches.

Womit sind Sie gerade beschäftigt, Frau Zervakis?

LINDA ZERVAKIS Ich bin derzeit viel unterwegs für Lesungen aus meinem Buch. Aber jetzt steht erst mal unser jährliches Sprecher-Meeting an, da tauschen wir unsere Erfahrungen aus.

Wie schaffen Sie es, selbst schlimme Nachrichten so freundlich zu verkünden?

ZERVAKIS Ich mach das ja schon etliche Jahre, habe vorher auch als Rundfunk-Redakteurin Nachrichten gesprochen. Das ist mein Job, ich weiß, was von mir erwartet wird, ich bin dann wie unter einer Glocke abgeschirmt. Für Gefühle und Reaktionen nutze ich andere Zeiten.

Hat Ihnen Ihr Bekanntheitsgrad als Tagesschau-Sprecherin den Zugang zur Welt der Literatur und Lesungen erleichtert?

ZERVAKIS Nein, eigentlich nicht. Manche Leute waren sogar eher irritiert, dass ich jetzt auch Buchautorin bin.

Wie kam's überhaupt dazu, dass Sie dieses Buch schrieben?

ZERVAKIS Als ich in einer Radio-Sendung über den Kiosk meiner Eltern plauderte und Episoden von damals erzählte, meldete sich eine Lektorin und meinte, das wäre doch eine Story für ein Buch. Wir haben dann nochmal viel in der Familie über die Zeit im Kiosk gesprochen, mussten so viel lachen, dass ich auch beim Schreiben immer mehr Spaß bekam.

Haben Sie und das Publikum auch Spaß, wenn Sie aus dem Buch lesen?

ZERVAKIS Bis jetzt war es immer so. Es macht mir einfach Freude, vor Menschen zu lesen, das ist ganz was anderes, als Nachrichten zu verlesen in einem leeren Raum hinter einer Scheibe. Und wenn die Leute bei meiner Lesung lachen, mit einem Schmunzeln im Gesicht nach Hause gehen, dann bin ich zufrieden.

Aber Ihr Buch ist ja nicht bloß lustig, Sie schildern auch tragische Figuren, die Stammkunden im Kiosk waren: Wirken solche Begegnungen bis heute nach?

ZERVAKIS Ja, ich muss zum Beispiel manchmal an den stotternden Johnny mit dem Spinnennetz-Tattoo im Gesicht denken. Der war ein Knacki, aber im Grunde hat ihm nur das Leben übel mitgespielt. Mir ist es wichtig, dass wir in unserer privilegierten Welt nicht den Blick verlieren für Menschen, denen es nicht so gut geht, für die Außenseiter.

Demnach war Ihr Kiosk im Viertel Anlaufstelle und Treffpunkt für viele Menschen. Gibt's so was heute noch?

ZERVAKIS Leider kaum. Kioske werden weniger, weil das Einkaufen immer schneller gehen soll, weil alles noch billiger sein muss. Das war ja auch das Ende unseres Kiosks, als die neuen Supermärkte und Tankstellen-Shops mit ihren langen Öffnungszeiten aufkamen. Umso mehr erzählen mir heute Leute nach einer Lesung von ihren Erinnerungen, wie sie noch Leckereien wie Weiße Mäuse und Esspapier am Kiosk kauften. Ich komme übrigens gern mit Besuchern meiner Lesungen ins Gespräch, hoffentlich auch in Nettetal.

Kennen Sie die Stadt Nettetal eigentlich?

ZERVAKIS Ehrlich gesagt, ich weiß nur, dass es dort die Literaturtage gibt und dass es in der Nähe von Düsseldorf liegt. Der Niederrhein ist mir leider noch nicht so bekannt. Ich hoffe aber, dass ihr da wenigstens besseres Wetter habt als wir hier im Norden, wo es kaum mal richtig schön warm wird und das Wetter ständig umschlägt. Hier müsste man eigentlich immer einen Hackenporsche dabei haben für Wechselwäsche und Regenkleidung.

Was, bitteschön, ist ein Hackenporsche?

ZERVAKIS So nennt bei uns in Norddeutschland scherzhaft einen Einkaufroller, den man hinter sich herzieht. Ich mag solche liebenswert-komischen Begriffe und überhaupt nette Kleinigkeiten im Leben, über die man schmunzeln kann.

Das Gespräch führte Joachim Burghardt.

Quelle: RP
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