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Dures Kückemanns
Die schöne Zeit, als Anna log

Viersen. Ein Segen der technischen Kommunikation war einst der Ortstarif, Freunde. Morgens um 10 Uhr, der Ehemann und die Kinder waren aus dem Haus, der Tisch abgeräumt, die Betten gemacht und im Wohnzimmer der Staub weggewischt, griff Ingrid zum Telefon und rief Freundin Petra an. "Hallo Petra." "Hallo Ingrid."

"Egon hat eine neue Strickjacke, steht ihm gut, will er aber nicht im Büro anziehen. Ohne Jackett und Schlips fühlt er sich nicht wohl. Immerhin trägt er aber jetzt abends Pantoffeln zur Strickjacke, und den Schlips legt er auch ab." "Ist nicht wahr, Ingrid. Ja meiner ist da nicht so kritisch. Er..." Der Mittag kam und ging, der Nachmittag auf, die Sonne ging unter und wieder auf. Und wenn Egon nicht unruhig geworden wäre, hätte Ingrid noch länger mit Petra geplaudert. Ortstarif für 20 Pfennig. Stunde um Stunde, kein Problem.

Kundige Leser werden sich jetzt fragen, was daran so toll ist. Es gibt zu allem heute eine Flatrate, zum Telefonieren, Trinken, Essen, Audiobooks, Urlaubsreisen, für Bus und Bahn und was weiß ich noch. Man zahlt pauschal einen Betrag und ist dann in der Endlosschleife.

Im Prinzip ist da so, aber Ingrid und Petra sind ja jetzt auch schon etwas älter, den Ortstarif haben die beiden längst vergessen, aber sie plaudern immer noch ab 10 Uhr morgens am Telefon miteinander, wegen der Flatrate. Das heißt - sie versuchen es hin und wieder mal. Egon hat den Haushalt digitalisiert. Ingrid und er schalten alles über die Homeflat-App, vom Backofen über das Garagentor bis hin zum Klodeckel, wobei Ingrid alleine befugt ist, den Sitzring anzuheben. Wegen der Reinigung. Ansonsten gilt auch für Egon: "Sitz!"

Ja, auch das Telefon ist natürlich digitalisiert. Egon hat sich nach langem Studium HighSpeedDSL und Telefon besorgt, mit WLan-Router und VoIP-Funktion, Dualband sowohl im 2,4- als auch im 5-Gigahertz-Bereich, WPA2-Verschlüsselung, Passwortsicherung für Software und Router sowie Abschaltung der Fernkonfiguration. Dann konnte Ingrid loslegen. Theoretisch. Denn das Telefon blieb stumm. Nur manchmal klappt der 10-Uhr-Anruf. Meist aber nicht. Dann herrscht stundenlang Ruhe. Und wenn Petra versucht, vom anderen Ende der Verbindung Ingrid zu erreichen, hört sie nur das Besetztzeichen, der Anrufbeantworter spinnt. Ach, wie oft wünschen sich Petra und Ingrid die Zeit zurück, als Anna log oder wie das Gegenteil von Digital heißt.

Quelle: RP
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