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Viersen
Die Waggons auf Gleis sechs

Viersen: Die Waggons auf Gleis sechs
Der "Zug der Erinnerung" steht noch bis einschließlich morgen auf dem Bahnhof in Viersen. FOTO: RPO
Viersen. Beklemmende Eindrücke und Nachdenklichkeit hinterlässt der "Zug der Erinnerung". Gestern öffnete die mobile Ausstellung über die Deportation von Kindern und Jugendlichen im Dritten Reich und die Täter. Von Natascha Becker

Ein Geruch nach verheizter Kohle liegt in der Luft am Viersener Bahnhof. Eine gewaltige Dampflokomotive, hinter sich vier Waggons, steht auf Gleis sechs des Bahnhofes. Besucher mustern nachdenklich die großen schwarz-weißen Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen, die an die Waggons angelehnt stehen. An der Zugtür ein Hinweis "Eingang". Die Ersten treten vorsichtig ein und blicken in einen spärlich erhellten Zug.

Kein Tageslicht strömt herein. Vor den Fenstern hängen Porträtaufnahmen, andere Fenster sind durch graue Stellwänden verdeckt, auf denen sich Fotos, Dokumente, Landkarten und Texte befinden. Es herrscht eine düstere, beklemmende Atmosphäre. "Lange vor der Deportation begann in Deutschland die Isolierung missliebiger Bevölkerungsgruppen", diese Worte begrüßen die Besucher auf der ersten Stellwand. Und damit steckt man mittendrin in der Zeit der Verfolgung und Deportation des Nationalsozialismus.

Ein Stück deutsche Geschichte

Mit dem "Zug der Erinnerung" hat ein Stück deutsche Geschichte in Viersen Halt gemacht, das schrecklicher nicht sein konnte. "Immer wieder war in den vergangenen Jahrzehnten von der Bewältigung der Vergangenheit die Rede. Eine falsche Formulierung. Diese Vergangenheit kann man nicht bewältigen. Aber man kann sie bekanntmachen, jeder Generation neu vor Augen stellen.

Unsere einzige Chance mit dieser Vergangenheit umzugehen, ist, aus ihr zu lernen", betont die stellvertretende Landrätin Luise Fruhen bei der offiziellen Eröffnung vor zahlreichen Gästen und Vertretern der verschiedenen Religionsformen. Und das Bekanntmachen schafft der "Zug der Erinnerung" auf eindruckvolle und nachhaltige Art und Weise. Einzelne Schicksale werden skizziert. Bilder von einst glücklichen jungen Menschen, die in Konzentrationslagern endeten. Juden, Sinti, Roma und behinderte Menschen – verfolgt im Nationalsozialismus.

Täterprofile fehlen ebenfalls nicht. Beeindruckend zu sehen, was fünf Schulen der näheren Umgebung – darunter auch das Valuascollege Venlo – sowie Pax Christi herausgearbeitet haben. Die Europaschule Schwalmtal greift so das Schicksal zweier behinderter Mädchen auf, die in der Kinderfachabteilung Schwalmtal-Hostert ums Leben kamen. Das Schiefbahner St. Bernhard Gymnasium verfolgt den Lebenslauf dreier jüdischer Kinder und das eines jungen Romas, die allesamt in Konzentrationslagern starben.

Den Besuchern geht die im Zug herrschende Atmosphäre unter die Haut. "Beklemmend", bringt es Rosemarie Dondit auf den Punkt. Man dürfe all dies nicht vergessen, auch wenn es noch so erschütternd sei, fügt Silvia Albrighton an. "Die Menschen sind bereit dazu, sich mit der schmerzvollen Geschichte zu konfrontieren", bemerkt Rüdiger Minow, der den Zug 2007 ins Leben rief. Allein in Mönchengladbach, wo der Zug in diesem Jahr startete, sahen sich mehr als 3000 Besucher die Ausstellung an.

Quelle: RP
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