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Kreis Viersen/Krefeld
Drehort Süchteln: Premiere für Kurzfilm

Kreis Viersen/Krefeld: Drehort Süchteln: Premiere für Kurzfilm
Szene von den Dreharbeiten in Viersen-Süchteln: Der Parteibonze erteilt den Auftrag, die letzte Jüdin aus Anrath nach Krefeld zu bringen, wo eine Gruppe von Juden für die letzte Deportation zusammengestellt wird. FOTO: Ingrid Schupetta
Kreis Viersen/Krefeld. "Anrath" erzählt die Geschichte eines Gestapo-Offiziers, der eine Jüdin mit seinem Rad zur Deportationssammelstelle bringt. Der Berliner Regisseur Gregor Höppner ist begeistert von der historischen Kulisse, die er in Süchteln fand. Von Isabel Mankas-Fuest und Daniela Buschkamp

Der 17. September 1944 ist ein trockener, heißer Tag. Ein Gestapo-Beamter kommt mit seinem Fahrrad zu einem Haus mit der Nummer 14. Er klopft. Eine Frau mittleren Alters kommt zum Tor. Er hält ihr ein verknittertes Schreiben hin. Sie liest, verstummt und blickt den Offizier an. Ihren Hof und alles andere muss sie an diesem Tag zurücklassen. Mit einer Ausnahme: Der Offizier erlaubt ihr, einen kleinen Koffer mitzunehmen. Wieder wird eine Jüdin deportiert, es ist die letzte aus dem Dorf. Doch dieses Schicksal, das Regisseur Gregor Höppner (56) in seinem Kurzfilm "Anrath" zeigt, berührt besonders. Denn hier werden Fragen aufgeworfen, und vieles bleibt offen. So wirkt es lange nach dem Film im Zuschauer nach.

Gedreht wurde der Kurzfilm unter anderem an der Propsteistraße in Viersen-Süchteln. "Wir suchten nach einem Drehort, der zu der Zeit passte", sagt Höppner. "In Süchteln haben wir unglaubliches Glück gehabt." Dort habe man ein restauriertes Haus gefunden, dessen Besitzer von dem Vorhaben begeistert war. Auch Höppner war fasziniert: "Wir hätten gern auch im Hausflur gedreht." Allerdings sei dies am Aufwand für die Beleuchtung gescheitert, so dass lediglich Außenaufnahmen gemacht wurden. Ein zweiter Drehort in Süchteln war die dahinter liegende alte Propstei, weitere Szenen entstanden in Anrath und Krefeld.

"Ich habe diesen Film geträumt", sagte Gregor Höppner jetzt bei der Deutschland-Premiere. "Anrath" handelt von der Deportation einer Jüdin, die von einem Gestapo-Offizier mit dem Fahrrad abgeholt wird. Es ist eine fiktive Geschichte, inspiriert von Augenzeugenberichten der Krefelder Jüdin Lore Gabelin. Mit Unterstützung durch Ingrid Schupetta, NS-Dokumentationsstelle und Leitung Villa Merländer, zeigte der Berliner Regisseur, Schauspieler und Synchronsprecher jetzt seinen eindrucksvollen Kurzfilm vor einem bewegten Publikum im Krefelder Kulturzentrum Fabrik Heeder.

Die zweite Film-Einstellung zeigt die Jüdin in ihrem Haus, wie sie für einen kurzen Augenblick inne hält, dann auf die vielen Familienporträts blickt und schließlich mit frisiertem Haar und braunem Lederkoffer in der Hand, an die Haustür tritt. Dem Zuschauer drängt sich an dieser und an weiteren Stellen des Films die Frage auf: Warum versucht sie nicht, zu fliehen? Während die Frau ihren Koffer packt, spaziert der Offizier unaufmerksam im Gemüsegarten herum. Warum ergreift sie jetzt nicht die Gelegenheit und rennt davon? Warum dieser Gehorsam? Die Geräuschkulisse aus Bomben und Sirenen kündet vom Einzug der Alliierten und dem nahenden Ende des Krieges. Doch für die Frau sind diese Zeichen noch nicht als Anfang vom Ende zu deuten. Ihre müden Füße führen sie nur langsam vom Fleck. Als der Offizier ihr den Koffer abnimmt und ihn auf den Gepäckträger schnallen möchte, öffnen sich die Schnallen, der Koffer fällt zu Boden. Zum Vorschein kommen ein Bügeleisen, Salz und zwei weiße Blusen.

Genaueres erfährt der Zuschauer im Verlauf des Films über die Deportierte nicht. Dafür wird er Zeuge einer ungewöhnlichen Episode. Diese Geschichte könnte sich wirklich so oder so ähnlich abgespielt haben. Der Kurzfilm ist inspiriert von den Augenzeugenberichten der Krefelder Halbjüdin Lore Gabelin. Sie erzählte die Geschichte einer Verwandten, die zu der letzten Deportation aus Krefeld im September 1944 aus Anrath von einem Gestapo-Beamten persönlich mit seinem Fahrrad abgeholt wurde. Verlässliche Fakten sind jedoch nicht überliefert. Aber diese Begebenheit fesselte Höppner so, dass er sie filmisch umsetzen wollte.

Im Vordergrund von "Anrath" steht die Begegnung zwischen Opfer und Verfolger. Doch Höppner ist nicht daran interessiert, klassische Rollenbilder zu bedienen. Er konzentriert sich auf den kurzen und schicksalhaften Weg vom Haus der Jüdin bis zum Bahnhof. Die Tragik und Ausweglosigkeit der Situation schwingt zwischen den Bildern mit und wird automatisch vom Zuschauer mitgedacht. In konzentrierten Schnitten gelingt es Höppner, diesem dunklen Kapitel der Geschichte einen menschlichen Anstrich zu verleihen. Der Film vertraut auf das wortlose Spiel der Schauspieler, deren Körper und Blicke sich berühren, ohne auszusprechen, was sie denken und was sie wissen. Am Ende entscheidet sich der Regisseur für einen offenen Ausgang. Wurde die Jüdin wirklich an diesem Spätsommertag deportiert oder nicht?

Der Film bietet eine gute Möglichkeit, auch Schülern ab der neunten und zehnten. Klasse, an die sich der Film auch richtet, einen Zugang zu Geschichte zu geben. Der Film "Anrath", so der Regisseur, soll in Krefelder Schulen im Geschichtsunterricht gezeigt werden, ein Museum hat ebenfalls Interesse am Film bekundet.

Wann "Anrath" im Kreis Viersen zu sehen sein wird, das weiß Gregor Höpner noch nicht. "Wir haben bis jetzt nur Gespräche über die Möglichkeit einer Aufführung in Anrath geführt", sagt der 56-Jähriger. Ein Termin stehe noch nicht fest.

Unterrichtsausleihe Gregor Höppner verhandelt derzeit mit der Landesmedienzentrale des Landschaftsverbandes Rheinland, ob der als Unterrichtsimpuls gedachte Film auch über die Zentrale verliehen werden kann. Lehrer, die den Film im Unterricht zeigen wollen, können sich an das LVR-Zentrum für Medien und Bildung wenden: medien-und-bildung.lvr.de.

Quelle: RP
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