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Viersen
Dülkens verrücktestes Haus

Das wird Dülkens verrücktestes Haus
Viersen. Die leer stehende Kreuzherrenschule wird jetzt saniert. Bis Ende des Jahres entsteht dort "Das große Haus". Der Investor setzt auf ein schräges Konzept, Denkmalschützer jubeln — und am 13. Mai können alle Dülkener gucken kommen Von Martin Röse

Wo noch vor drei Jahren Kinder über den Schulhof hüpften, hat sich längst die Natur ihren Platz zurückerkämpft. Gräser strecken ihre langen Halme aus dem Boden, Birkenstecklinge wiegen ihre grünen Blätter sanft im Wind, ein Vogel zwitschert und dann macht es laut "Peng", kracht ein Vorschlaghammer dröhnend in eine Zwischenwand im Erdgeschoss der Kreuzherrenschule. Generationen von Dülkenern haben dort das ABC gelernt und das kleine Einmaleins. Früher lebten dort Mönche, im 1479 von Graf Vinzenz von Mors errichteten Kreuzherren-Kloster.

Historische Aufnahme der Südschule an der damaligen Klosterstaße. Das Foto entstand im Jahr 1920. FOTO: Stefan Völker

Seit am 1. Oktober 2014 der Schulbetrieb Richtung Ransberg zog, wurde das Gebäude zum "Lost Place", zu einem verlorenen Platz. Und zum Klotz am Bein der Stadt Viersen. Was tun mit so einem Riesenkasten, der zu allem Übel auch noch unter Denkmalschutz steht? Am besten das Übliche: An einen Investor verkaufen, der alles abreißt bis auf die Fassade und dahinter seniorengerechte Eigentumswohnungen errichtet? Solche Interessenten gab es, aber dann gab es da auch noch Ulf Schroeders. Seit 20 Jahren macht der Mann nichts anderes als denkmalgeschützte Häuser herzurichten und einer neuen Bestimmung zuzuführen. Mit einem Faible für guten Geschmack und schrägen Ideen, die so schräg sind, dass sie genial sind.

Blick ins Treppenhaus. Bis Oktober 2014 liefen hier Kinder entlang. FOTO: Busch Franz-Heinrich sen.

Während der Vorschlaghammer lustvoll wütet und Arbeiter den bröseligen Putz von der maroden Decke kratzen, erläutert er seine Pläne für die Kreuzherrenschule. Zwei Dinge vorab: Schon Ende des Jahres soll's fertig sein. Und zweitens: So viel Berlin war nie in Dülken!

Denkmalschützerin Ellen Westerhoff, Stadtentwickler Harald Droste, Investor Ulf Schroeders und Bürgermeisterin Sabine Anemüller gestern im Schulgebäude. FOTO: Busch

Also: In den Klassenräumen entstehen Lofts. 60 Quadratmeter große, mehr als vier Meter hohe Einraum-Mietwohnungen (die in der Turnhalle wird gar knapp 130 Quadratmeter groß) mit dem Fischgrät-Eichenparkett aus dem Jahr 1905, das unter dem Linoleum hervorgeholt wird. "Das Parkett wollen wir nicht schleifen und ölen, sondern lassen es Geschichte erzählen. So kann man noch die Laufwege der Lehrer sehen", sagt Schroeders. Das Besondere: Dusche, Badewanne, WC - all das wird in so genannten Wohnboxen untergebracht, einem eigenen Block in dem großen Raum. Die noch vorhandenen Schultafeln werden übrigens nicht weggeworfen, sondern zur Abdeckung der Wohnboxen verwendet. Die Wände werden glatt gespachtelt, Lichtschalter und Steckdosen sind Designer-Ware.

Die Natur hat sich längst den Schulhof der Kreuzherrenschule zurückerobert. Vor knapp drei Jahren wurde sie geschlossen. Jetzt entstehen dort Lofts, Büros, Wohnungen und ein Café. Wo der Schulhof war, wird ein Garten angelegt - mit Parzellen für die Mieter. Und der Toilettentrakt, links im Bild, wird zum Konferenzraum. FOTO: Röse Martin

Statt Balkonen erhält jeder Mieter eine Parzelle im Klostergarten. Ähm, Klostergarten? Genau, den will Schroeders wieder herrichten. "Dort sollen historische und regionale Gemüsesorten wachsen, die fast in Vergessenheit geraten sind", sagt er. "Somit ermöglicht der Garten den Blick über das Supermarkt-Angebot hinaus und bietet Möglichkeiten zum Selbstgestalten." Durch Kontakte zu einem Saatguthersteller im süddeutschen Raum ist sichergestellt, dass im kommenden Jahr neben Tomatensorten wie der roten Zora oder der Berner Rose auch chinesische Schlangengurken oder die weiße Erdbeere wachsen. Die Gärten sind übrigens öffentlich, für alle Dülkener. Ebenso wie das Café "Kantinchen" im Erdgeschoss, das auch frisches, selbst gebackenes Brot im Angebot haben wird.

Aus den Klassenzimmern werden Einraum-Wohnungen (mit Tafel!). FOTO: Röse Martin

Und das den Mietern eine Art Concierge-Service anbietet. Der Paketbote kommt zur falschen Zeit? Kein Problem: Die Café-Mitarbeiter nehmen das Paket in Empfang. Im Prinzip - Schroeders mag es nur nicht aussprechen - ist sein Konzept eine Art betreutes Wohnen für 30-Jährige. Die Toilettenanlage am Schulhof erhält gläserne Wände, die WCs kommen raus, stattdessen entsteht ein kleiner Saal mit Blick auf den Garten. Den können die Firmen zum Konferieren nutzen, die ins Haus einziehen sollen - elf Büros für Kreative sind geplant -, aber auch die Vereine und Privatleute aus Dülken. Die ersten Mietinteressenten hat Schroeders schon vergrault. "Eine Firma hatte Interesse, alle Büros zu mieten. Aber was die machen, ist so langweilig." Dafür stehen bereits die ersten Mieter für die Wohnungen fest.

Arbeiter holen den bröckelnden Putz von der Decke. FOTO: Röse

In zwei Wochen, am 13. Mai, können sich alle Dülkener selbst ein Bild von Schule und Umbau machen. Um 17 Uhr beginnt in dem alten Gemäuer eine Vernissage von 17 Künstlern aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden - mit Musik unter anderem von King Kraut and the Sauer Sissies. Ende: 22 Uhr.

Der Vorschlaghammer macht laut "Peng". Es klingt wie ein Weckruf für Dülken.

www.dasgrossehaus.de

Quelle: RP
 
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