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Viersen
Ein freundlicher Hexenmeister an der Geige

Viersen. Mit dem Serben Nemanja Radulovic war ein Meister der Violine zu Gast in Viersen Von Gert Holtmeyer

Die Festhalle war ausverkauft, das Publikum begeistert. Optisch konnte man fast meinen, der auferstandene Paganini hätte die Bühne betreten. Lange, lockige schwarze Haare und eine schlanke, bewegliche Gestalt: So ähnlich kennt man den italienischen Hexenmeister der Violine von Bildern des 19. Jahrhunderts.

Nun, so ganz zufällig ist die Ähnlichkeit zwischen Paganini und Nemanja Radulovic nicht. Der junge serbische Geigenvirtuose versteht sich nicht nur aufs Geigespielen, er ist auch ein begnadeter Showman, und natürlich weiß er sein Outfit wirkungsvoll zu inszenieren. Nur die Blicke wirken anders als beim Original-Paganini. Schaute der auf den Bildern meist durchbohrend ernst, so schwankte Radulovic am Konzertabend meist zwischen freundlichem Lächeln und breitem Grinsen.

Und sein Geigenspiel? Kein Zweifel: Der 1985 in Serbien geborene Radulovic ist ein hervorragender Geiger. Seine Griffsicherheit und seine Geläufigkeit, seine Beherrschung der Lagen und seine Bogentechnik sind tadellos. Er verfügt über einen großen, klaren und durchsetzungsfähigen Ton. Wie man erwarten durfte, bereitete ihm Max Bruchs g-moll-Konzert nicht die geringsten Schwierigkeiten.

Die musikalische Gestaltung des langsamen Satzes, der früher in kaum einem Wunschkonzert fehlte, ist durchaus heikel. Die Gefahr ist groß, dass die Wiedergabe entweder zu schmalzig oder umgekehrt zu steril gerät. Letzteres passierte Radulovic nicht. Er begann das Adagio verhalten und geheimnisvoll. Wo es angebracht war, brachte er eine kräftige Dosis Dramatik ein. Wohl bekamen die weit gespannten Kantilenen mitunter einen etwas süßlichen Beigeschmack, wozu auch das starke Vibrato beitrug. Erfrischend temperamentvoll, mit virtuoser Souveränität und einem rasanten Schlussspurt, erklang der letzte Satz. Das Publikum applaudierte begeistert.

Eine Zugabe war gewissermaßen ins Programm eingearbeitet mit Aram Khachaturians elegischem "Nocturne" aus "Masquerade", von Radulovic mit großem Ton vorgetragen. Das Orchester, die Staatskapelle Weimar, begleitete insgesamt zuverlässig, auch wenn zu Beginn die Bläser nicht immer ganz präzise einsetzen.

Das änderte sich deutlich im zweiten Teil. Mitreißend erklang Tschaikowskys vierte Sinfonie. Die Musiker waren mit viel Engagement bei der Sache. Dirigent Stefan Solyom wählte passende Tempi und brachte mit den Musikern die Leidenschaft der langsamen und die Vitalität der schnellen Sätze mit Verve zum Ausdruck. Die Akustik der Festhalle, sagte Solyom nach dem Schlussapplaus, sei für die Mitwirkenden "eine große Hilfe", man hätte hier sehr gern gespielt. Dann kündigte er noch die Zugabe an, den sechsten Ungarischen Tanz von Johannes Brahms.

Quelle: RP
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