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Schwalmtal
Ein künstlerischer Plan für Hostert

Schwalmtal: Ein künstlerischer Plan für Hostert
Schlichte weiße Kreuze erinnern heute auf der Gedenkstätte an die Kinder, die während der NS-Zeit in der Kinderfachabteilung den Tod fanden. Die Gedenkstätte befindet sich auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Schwalmtal. Der Kulturausschuss des Landschaftsverbands Rheinland berät heute über einen Entwurf zur Gestaltung der Gedenkstätte. Für sterbliche Überreste, die bei Bauarbeiten gefunden werden, soll es ein Beinhaus geben. Von Birgitta Ronge

Die Gedenkstätte in Hostert ist ein Ort der Stille. In einiger Entfernung sind die alten Gebäude zu sehen, in denen sich eine Zweigstelle der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal befand. Eigentümer der Einrichtung war die Rheinprovinz, heute der Landschaftsverband Rheinland (LVR). In den Kriegsjahren wurde in Hostert eine Kinderfachabteilung eingerichtet. Im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms fanden dort 99 Kinder, die körperlich oder geistig behindert waren, den Tod. Darüber hinaus wurden mehrere hundert behinderte Menschen von Waldniel in andere Anstalten oder in Tötungslager gebracht.

Schlichte weiße Holzkreuze erinnern heute auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof an die Kinder, die hier starben. Nun soll die Gedenkstätte, für die seit 1988 die Europaschule Schwalmtal die Patenschaft hat, neu gestaltet werden. Der LVR als Rechtsnachfolger der Provinzial Rheinland rief im vergangenen Jahr Künstler dazu auf, Entwürfe einzusenden. Aus acht Vorschlägen wählte die Jury einhellig einen Entwurf aus. Über diesen wird heute der Kulturausschuss des LVR beraten. Drei weitere LVR-Ausschüsse sollen danach darüber beraten, bevor der Landschaftsausschuss Ende Juni einen Beschluss fasst. Für die neue Gestaltung der Gedenkstätte rechnet der LVR mit 335.000 Euro.

Es handelt sich um einen Entwurf der österreichischen Arbeitsgemeinschaft "struber_gruber" aus Wien. Ihr gehören die Künstlerin Katharina Struber und der Architekt Klaus Gruber an. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Jury sei zum einen das architektonisch-künstlerische Konzept gewesen, zum anderen die mit der Errichtung gewünschte pädagogische Zusammenarbeit mit Schulen, heißt es in der Vorlage zur Ausschusssitzung.

Dem Entwurf nach sollen zwei Hauptelemente die Gedenkstätte strukturieren. Ein Hauptelement bilden drei große, bunt lackierte Kugeln aus Aluguss, die gemeinsam mit Schülern der Europaschule erstellt werden sollen. Wie riesige Bälle werden sie auf dem Gelände liegen, an das freie Spiel von Kindern erinnern - und dadurch die Grausamkeit des Geschehens Besuchern eindrücklich vor Augen führen.

Das zweite Hauptelement bildet eine L-förmige Skulptur aus anthrazitfarbenen Betonelementen, die zur Straße hin die Gedenkstätte abschirmen und sich neigen. Auf bis zu 600 Messingplättchen, die an dieser Skulptur angebracht werden, sollen, sofern möglich, die Namen der Menschen verzeichnet werden, die in Hostert starben.

Für die Inschriften auf den Messingplättchen will die Arbeitsgemeinschaft Menschen einladen, als Paten die Namen ehemaliger Patienten auf Papier schreiben. Diese Paten könnten beispielsweise Angehörige der in Hostert ermordeten Menschen sein. In der Handschrift der Paten soll die Namen dann auf die Plättchen gefräst werden. Die Schriftzüge auf Papier sollen zu einem Buch gebunden in der Gemeinde aufbewahrt werden. Falls bei den Umgestaltungsmaßnahmen sterbliche Überreste gefunden werden, sollen diese in einem Ossuarium (Beinhaus) am Ende der Mauer eine letzte Ruhestätte finden.

Um die Gedenkarbeit in Hostert kümmern sich seit Jahrzehnten engagierte Menschen in Schwalmtal. Für ihren Einsatz erhielten Peter Zöhren, ehemaliger Lehrer an der Europaschule, und seine Frau Hannelore 2014 den Rheinlandtaler. Ebenso ausgezeichnet wurde Andreas Kinast, der der Geschichte Hosterts unentwegt nachspürt. In seinem Buch "Das Kind ist nicht abrichtfähig" dokumentiert Kinast, was damals in der Kinderfachabteilung geschah. Er gehörte auch der Jury an, die sich für den vorliegenden Entwurf von Struber und Gruber aussprach. Den Entwurf schätzt er als "sehr engagiert und kreativ" ein. Insbesondere die dunkle Wand, "die sich neigt und langsam erst den Blick auf die Gedenkstätte freigibt, finde ich ganz toll", sagt Kinast.

Ebenso nahm Peter Zöhren an der Jurysitzung teil. "Mir gefällt der Entwurf gut", sagt Zöhren, "er ist spektakulär." Hans-Georg Rohbeck, der als Vorsitzender des Gemeindeausschusses von St. Mariae Himmelfahrt der Jury angehörte, empfindet den Entwurf als "außergewöhnlich, etwas Besonderes". Es sei gut, sagt Rohbeck, dass durch die neue Gestaltung der Gedenkstätte ein Zeichen gesetzt werde - und ein Ort gestaltet werde, der auch kommenden Generationen ein Ort der Erinnerung sein soll.

Quelle: RP
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