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Schwalmtal
Ein neues Bett für den Kranenbach

Schwalmtal: Ein neues Bett für den Kranenbach
Thomas Schulz, Geschäftsführer des Schwalmverbands, erläutert, wie die Ersatz-Aue einmal aussehen soll. Einige Erlen werden wieder ausschlagen und das Bild links und rechts des Bachlaufs prägen. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Schwalmtal. 700 Meter des Kranenbachs in Amern werden derzeit naturnah umgestaltet. Tiere wie Köcher- und Steinfliege, Libelle, Kauz und Fledermaus sollen sich dort wohlfühlen, die Natur soll sich in der Aue ungestört entwickeln können. Von Heike Ahlen

Auf der Kranenbach-Brücke am Amerner Kranenbachcenter steht ein Schild. Es weist darauf hin, dass der Kranenbach hier naturnah ausgebaut wird. Im Hintergrund können Passanten einen Blick auf einen Bagger erhaschen. 700 Meter des insgesamt 9,5 Kilometer langen Baches werden derzeitnaturnah umgestaltet.´Im Verlauf von Jahrhunderten war der Kranenbach als reine Abflussrinne für Regenwasser völlig naturfern geworden. Vor allem die etwa 80 Meter lange Röhre, in der der Bach unter dem Parkplatz des Einkaufszentrums verläuft, ist eine absolute ökologische Barriere. Kein Licht, keine Uferzonen - kein Leben.

Das alles soll sich jetzt ändern. Die europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert, dass bis Ende dieses Jahres alle Gewässer in Europa wieder annähernd einen natürlichen Zustand erreichen. Das ist nicht zu schaffen, Ausnahmeregelungen laufen längstens bis 2027.

Der Kranenbach soll aber auf den 700 Metern, die jetzt angepackt werden, Mitte nächsten Jahres auf dem Weg dorthin sein. "Der natürliche Zustand existiert schon lange nicht mehr", sagt Thomas Schulz, Geschäftsführer des Schwalmverbands. Jetzt werden Voraussetzungen geschaffen, dass sich alles erholen kann - aber die Veränderungen von Jahrhunderten können nicht in kürzester Zeit wieder rückgängig gemacht werden.

Und genau genommen geht es auch nicht rückwärts, sondern vorwärts: Der Kranenbach bekommt von der Hauptstraße an ein völlig neues Bett. Die Rohrleitung unter dem Einkaufszentrum hindurch bleibt nur als "Hochwasserflutrinne" erhalten. Es wird also ein kleines Stauwehr eingebaut. Wenn der Kranenbach normale Wassermengen führt - das sind etwa 150 Liter, die pro Sekunde abfließen - dann steht das Wasser so niedrig, dass nichts über das Wehr fließt, sondern alles durch das neue Bett. Ein Hochwasser allerdings kann so stark sein, dass plötzlich 6.500 Liter Wasser in der gleichen Zeit abfließen müssen. Dann steigt der Wasserspiegel - und ein Teil des Wassers findet seinen Weg über das Wehr.

Mit der Maßnahme des Schwalmverbands werden nun drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die ökologische Durchlässigkeit wird wieder hergestellt, weil nur in einer kleinen Unterquerung der Hauptstraße kein natürliches Bett da ist. Der Bach wird naturnah umgestaltet. Und im Hochwasserfall gibt es einen zustäzlichen Abfluss - die Gefahr der Überflutung von Gebäuden und Straßen sinkt deutlich. Die Grundstücke, über die der Kranenbach in Zukunft fließt, sind in Privatbesitz - und bleiben es auch. Der Schwalmverband darf sie kostenlos nutzen. "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Schulz. Denn sonst hätte man die Maßnahme nicht realisieren können. Das Wasserrecht hat keinen Passus, mit dem man einen Eigentümer zwingen könnte, sein Grundstück zu verkaufen.

Wenn der Bagger nun auf Baumstämmen im schlammigen Gelände manövriert, dann legt er mit der Schaufel auch schon mal den Wurzelstock einer Erle mit in das neue Bett. Dieses "Totholz" sorgt mit dafür, dass das Wasser sich seinen eigenen Weg in dem neuen Bett sucht. Es entstehen dadurch aber auch landschaftstypische Strukturen. Fische und Larven können Schutz suchen. Einige Erlen werden auch wieder ausschlagen und das Bild der rechts und links des Bachlaufs entstehenden Ersatz-Aue prägen.

Früher konnte der Kranenbach an einigen Stellen bis zu 100 Meter weit die anliegenden Wiesen überfluten. Das aktuelle Bett liegt aber deutlich tiefer - eben damit nichts überflutet wird. Zu einer naturnahen Gestaltung gehört aber auch diese Aue. Der Kranenbach ist ein organisch geprägtes Tieflandgewässer. Mit den Fließhindernissen durch die Baumstümpfe bilden sich Lebensräume für die verschiedensten Organismen. Und das, sagt Schulz, sei wie bei den Menschen: Je besser die Wohnmöglihckeit sei, um so eher ziehe man dorthin und umso länger bleie man dort. Ansiedeln sollen sich Tierarten wie die Köcher- und die Steinfliege, dazu verschiedene Lilbellenarten.

Käuze und Fledermäuse, die jetzt schon dort in den Erlen wohnten, sollen auch bleiben. Deshalb haben die Mitarbeiter des Schwalmverbands nach der Planung noch einmal vor Ort jeden Baum überprüft, ob er Höhlen enthält, die bewohnt sind. Bei Funden wurde umgeplant, die Bäume können stehen bleiben. Für die Bauzeit wurden trotzdem pro Baum drei Ersatz-Kästen aufgehängt, falls den Tieren die Nähe zur Baustelle nicht behagt.

Ein touristisch genutzter Bereich mit Wanderwegen wird auch nach der Umgestaltung nicht entstehen. Die Natur soll sich hier ungestört entfalten können. In den ersten Jahren will der Schwalmverband noch lenkend und pflegend eingreifen, damit nicht standortfremde Pflanzen wie indisches Springkraut oder der japanische Riesenknöterich einwandern. Danach, so Schulz' Einschätzung, dürften die heimischen Pflanzen sich durchgesetzt haben.

Damit man den neuen Kranenbach doch ein wenig genießen kann, könnte an der Brücke am Kockskamp eine Art "Wasserblick" mit Bank entstehen. Fertig sein soll alles Ende Mai - wobei die Zeit von Ende Januar bis zum Schluss für die neue Unterquerung der Hauptstraße reserviert ist. Alles andere soll bereits vorher angelegt sein. Fertig ist es aber frühestens nach einer Vegetationsperiode, also im kommenden Herbst. Dann kann man den Unterschied zu der kahlen und schlammigen Kraterlandschaft von heute richtig sehen und begreifen.

Quelle: RP
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